„Deportationen der Armenier als Völkermord anerkennen“

Rottenburg. 23. April 2015. Der Rottenburg-Stuttgarter Bischof Gebhard Fürst hat die Repräsentanten der Türkei aufgerufen, die Deportationen von Armeniern vor 100 Jahren durch den damaligen türkischen Staat als Völkermord anzuerkennen. Damit würde ein Brückenbau möglich für „vertrauensvolle Zusammenarbeit im Dienst des weltweit bedrohten Friedens und des wirksamen Schutzes religiöser und ethnischer Minderheiten“, schreibt Bischof Fürst in einer am Donnerstag in Rottenburg veröffentlichten Erklärung. Er bitte die türkischen Gesprächspartner im Raum seiner Diözese, mit denen er wie mit anderen Vertretern muslimischer Gemeinschaften kontinuierlich im Gespräch sei, diese Aufforderung als Zeichen eines Dialogs auf Augenhöhe anzunehmen.

Der Genozid an den Armeniern sei nicht nur ein Kapitel der Historie, schreibt der Bischof. Dieser Völkermord bilde den Auftakt zu einer langen Geschichte der Vertreibung der Ursprungskirchen der Christenheit aus ihrer seit fast 2.000 Jahren bewohnten und geprägten Heimat im Vorderen Orient bis heute. Er erhalte Aktualität auch durch Gewaltexzesse an christlichen Minderheiten in anderen Weltregionen wie auch durch die Verfolgung und Unterdrückung anderer ethnischer und religiöser Minderheiten. Der Genozid an den Jesiden im Irak durch den sogenannten Islamischen Staat sei ein bedrückendes Beispiel dafür.

Er sei sich bewusst, so Bischof Fürst, dass den Deutschen wie auch den Kirchen Überheblichkeit in der Frage des Genozids an den Armeniern nicht zustehe. Das deutsche Kaiserreich habe als Verbündeter des Osmanischen Reichs „massive Mitverantwortung für das Schreckliche, was den Armeniern angetan wurde“. Dies sei Teil der deutschen Geschichte ebenso wie die Schuld, die das deutsche Volk durch den Völkermord an den europäischen Juden sowie an den Sinti und Roma auf sich lud. Auch die Geschichte der Kirchen sei immer wieder Gewaltgeschichte gewesen, „in der sie auf furchtbare Weise ihre Botschaft und ihren Herrn Jesus Christus verraten haben“.

Der Rottenburg-Stuttgarter Bischof unterstreicht, die Kirchen hätten sich um ihrer Glaubwürdigkeit willen schmerzlich auf ihren Ursprung besinnen müssen. Deutschland habe sich in einem mühsamen Prozess seiner historischen Schuld gestellt, sie als bleibende Verantwortung anerkannt und so seinen anerkannten Platz in der Völkergemeinschaft erlangt. „Das sind die Voraussetzungen für Vertrauen; das sind auch die Voraussetzungen dafür, in glaubhafter Weise zu mehr Frieden in dieser friedlosen Welt beizutragen“, schreibt der Bischof.

Am heutigen Donnerstagabend (23. April) findet im Berliner Dom ein ökumenischer Gottesdienst im Gedenken an den 100. Jahrestag des Genozids an Armeniern, Syrern und Pontos-Griechen mit Vertretern von sechs christlichen Kirchen und Bundespräsident Joachim Gauck statt. Am Freitag (24. April) lädt in Stuttgart-Bad Cannstatt die Armenische Gemeinde Baden-Württemberg zu einer Gedenkfeier auf dem Friedhof Steinhaldenfeld und anschließend in die Lutherkirche ein. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart ist dort durch Domkapitular Heinz Detlef Stäps vertreten.

Uwe Renz

 

„Historische Wahrheit muss Wahrheit bleiben“

24.04.2015

Grußwort zur zentralen Gedenkveranstaltung der Armenier im Land

Rottenburg. 24. April 2015. Als essentiell notwendig hat der Rottenburger Domkapitular Heinz Detlef Stäps die Anerkennung des an den Armeniern verübten Genozids bezeichnet. In seinem Grußwort bei der zentralen Gedenkveranstaltung der Armenischen Gemeinde Baden-Württemberg zum 100. Jahrestag des Völkermordes sagte Stäps in der evangelischen Lutherkirche Bad Cannstatt: „Dieses unaussprechliche Leid so vieler Menschen kann nur durch die Anerkennung der Wahrheit und durch die lebendige Erinnerung fruchtbar werden für die Zukunft.“

In Vertretung des Rottenburg-Stuttgarter Bischofs Gebhard Fürst erinnerte Stäps daran, dass der Genozid an den Armeniern nur der Auftakt zu einer langen Geschichte der Vertreibung der Ursprungskirchen der Christenheit aus ihrer seit fast 2.000 Jahren bewohnten und geprägten Heimat im Vorderen Orient bis zum heutigen Tag sei. Er bat in diesem Zusammenhang um das Gebet für die aktuell in der Welt verfolgten und unterdrückten christlichen wie auch anderen religiösen und ethnischen Minderheiten.

In seinem Grußwort nahm Domkapitular Stäps Bezug auf Papst Franziskus, der vor wenigen Tagen von der Pflicht zur Erinnerung an „den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts“ sprach: „Ich bin dankbar für diese Klarheit. Historische Wahrheit muss historische Wahrheit bleiben und darf nicht verleugnet werden“, sagte Stäps.

Manuela Pfann