Diakonie – Zentrum christlicher Existenz

Mit dem Untertitel „Diakone in missionarischer Kirche“ macht er deutlich, dass der Dienst des Diakons nicht eine nachgeordnete Funktion, sondern essentieller Teil des geistlichen Amts in der Kirche ist. Und ebenso wird dadurch betont, dass Diakonie, in Handeln umgesetzte Nächstenliebe, kein Thema neben vielen anderen in der Kirche ist, sondern zentraler Ausweis ihrer Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft. Ja man kann aufgrund aktueller Äußerungen des Bischofs hinzufügen: Die redliche und in Konsequenzen einmündende Besinnung der Kirche auf ihren diakonischen Auftrag kennzeichnet die Richtung des Weges, der sie aus der aktuellen Vertrauenskrise herausführen kann. Diakonie bedeutet nach biblischem Verständnis Nachfolge Jesu in der Zuwendung zu benachteiligten, vergessenen, abgeschriebenen, verzweifelten Menschen. „In keinem anderen Wort werden diese Dimensionen des Christseins so zusammengefasst wie im Begriff der Diakonie, der Caritas“, betont Bischof Fürst im Vorwort. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart gehört zu den Diözesen weltweit, in deren Klerus der Dienst des verheirateten Ständigen Diakons seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil einen festen Platz einnimmt. Als Weiheamt stellt der verheiratete Diakon – ob im Hauptberuf tätig oder als „Diakon im Zivilberuf“ in einem anderen beruflichen Aufgabenbereich – eine Brückenfunktion dar, denn „sein Platz ist zugleich mitten in der Gemeinde und dort, wo die Gemeinde nicht, noch nicht oder nicht mehr ist“. Gerade der „Diakon im Zivilberuf“ verdeutlicht, dass diakonisches, soziales Wirken nichts Binnenkirchliches ist, sondern Mitgestaltung einer sozialen Gesellschaft vom Evangelium und seinem Ethos her.

Die „diakonische Entwicklung der Gesellschaft“ ist für den Autor ein „Grundvollzug der Kirche“. Damit stellt er den diakonischen Dienst der Kirche ausdrücklich in den Kontext einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung, und zwar nicht nur auf nationaler, sondern auch auf europäischer Ebene. Eine diakonische Gemeindeentwicklung ist für ihn eine Antwort auf die gesellschaftlichen Umbrüche in Europa. Denn die Gestaltung einer wirklich europäischen Kultur in einem vereinten Europa wird nach der Überzeugung Bischof Fürsts nur gelingen, wenn die europäischen Gesellschaften der zunehmenden Individualisierung und Pluralisierung durch eine Rückbesinnung auf ihre christlich-humanen Wurzeln begegnen. Die Kirche kann dazu einen Entwicklungsbeitrag leisten, „indem sie den Leistungszwängen der marktwirtschaftlich strukturierten Gesellschaft in Wort und Tat ihr eigenes Menschenbild entgegensetzt und Menschen vermittelt, dass ihre Würde nicht von ihrer ökonomischen Leistungsfähigkeit abhängt, sondern ihnen von Gott geschenkt und in glaubwürdigen Beziehungen zugesprochen wird“. Interessante Aspekte, die dies konkretisieren, finden sich etwa in dem Kapitel „Arbeit, Arbeitslosigkeit und die diakonische Dimension der Kirche“.

Auch die globale Reichweite diakonischer Verantwortung der Kirche kommt in dem Buch zu Wort. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart und ihr Bischof können darauf verweisen, dass sie seit dem Jahr 2000 Sitz bzw. Protektor des 1965 gegründeten Internationalen Diakonatszentrums sind und dadurch einen wichtigen Beitrag zur weltkirchlichen Weiterentwicklung des Ständigen Diakonats leistet.

Das Buch von Bischof Gebhard Fürst ist im Ansatz ein theologisches und spirituelles Buch. So führt es bei allen Konkretisierungen auch immer wieder zurück auf den theologischen Ursprung des diakonischen Dienstes der Kirche. Diakonie ist eine Grunddimension der Kirche; über das persönliche und institutionelle Hilfehandeln hinaus hat sie in allen ihren Lebensvollzügen diakonisch zu sein, weil sie die „Diakonia Christi“, den für das Heil der Menschen inkarnierten Gott, „sakramental vergegenwärtigt“. Dieser Hintergrund wird durch Ausführungen über die Spiritualität des Diakons ebenso wie durch eine Reihe thematischer Predigten im zweiten Teil des Buchs verdeutlicht.

Gebhard Fürst, Gott und den Menschen nahe. Diakone in missionarischer Kirche, Ostfildern (Schwabenverlag) 2010, 14,5 x 19,5 cm, Hardcover, 143 Seiten, ISBN 978-3-7966-1492-7, € 14,90.

Dr. Thomas Broch