Dialog als Markenzeichen

Am 7. Juli 2000 hatte Papst Johannes Paul II. ihn zum 11. Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart ernannt, am 17. September desselben Jahres weihte ihn der inzwischen verstorbene Freiburger Erzbischof Oskar Saier im Beisein zahlreicher Mitbischöfe im Rottenburger Dom zum Bischof.

Gebhard Fürst, 1948 in Bietigheim geboren, 1977 in Ellwangen/Jagst zum Priester geweiht und 1987 in Tübingen zum theologischen Doktor promoviert, hat sich ein Wort aus dem Glaubensbekenntnis der Christenheit als Wahlspruch für seinen Dienst als Bischof gewählt: "Propter nostram salutem – um unseres Heils willen". Dass es im christlichen Glauben um den Menschen geht, um gelingendes, heiles Leben und den Sinn des menschlicher Existenz, davon ist Gebhard Fürst in seiner Theologie und in seinen pastoralen Zielsetzungen als Bischof zutiefst überzeugt. Das bedeutet auch, dass eine glaubwürdige und überzeugende Kirche den Dialog mit den gesellschaftlichen Akteuren suchen und führen muss auf Augenhöhe mit den Standards der wissenschaftlichen, politischen und kulturellen Diskurse. Als langjähriger Direktor der Diözese Rottenburg-Stuttgart hatte Gebhard Fürst diese Kultur des Dialogs in sein neues Amt als Bischof mitgebracht. Dass die heilende Kraft des Glaubens die Menschen, aber darüber hinaus auch die gesamte Schöpfung meint, hat er dadurch deutlich gemacht, dass er in einer diözesanen interdisziplinären Klima-Initiative nachhaltiges Handeln zu einem Innovationskriterium diözesaner Entwicklungen gemacht hat. Die Photovoltaik-Anlagen auf dem Rottenburger Bischofshaus und inzwischen auf hunderten Dächern kirchlicher Gebäude in der Diözese machen dies beispielhaft für vieles andere sichtbar. Dass die wichtigen Themen der Zeit auch wichtige Themen der Kirche sind, hat Bischof Fürst u. a. dadurch zum Ausdruck gebracht, dass er von 2001 bis 2005 Mitglied des Nationalen Ethikrats der Bundesregierung war. Ebenso ist er Vorsitzender der Unterkommission Bioethik der Deutschen Bischofskonferenz. Mit der Übernahme des Vorsitzes der Publizistischen Kommission im Oktober 2006 reihte er sich als "Medienbischof" der Deutschen Bischofskonferenz in die Tradition seiner Vorgänger Carl-Joseph Leiprecht und Georg Moser ein.

Dialogfähigkeit und –bereitschaft zeigen sich für Bischof Fürst auch in der Bedeutung der Räte und Gremien in der Kirche – auf der Ebene der Diözese ebenso wie in den Dekanaten und Kirchengemeinden. Erst kürzlich – anlässlich des 40-jährigen Bestehens des Diözesanrats und des Diözesan-Priesterrats der Diözese Rottenburg-Stuttgart – hat er die Räte als "konstitutives Element einer dialogischen Kirche" genannt und die vier zurückliegenden Dekaden als "eine Geschichte der solidarischen Weggemeinschaft, der Lerngemeinschaft, des Vertrauens und des respektvollen Umgangs miteinander" gewürdigt. Auch das Ringe um kontroverse Positionen sei kein Zeichen mangelnden Vertrauens, sondern es zeige den gegenseitigen Respekt, da angesichts der enormen Komplexität der Probleme ein differenziertes Meinungsbild in den Gremien unerlässlich sei. Diese Grundhaltung prägt auch Bischof Fürsts Engagement als so genannter Geistlicher Assistent des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, in dem er die Deutsche Bischofskonferenz vertritt und sich ausdrücklich als Brückenbauer zwischen dem katholischen Laiengremium und den Bischöfen versteht.

Gemeinsam mit dem Diözesanrat und dem Diözesan-Priesterrat hat Bischof Fürst von Dezember 2003 bis Dezember 2004 in einem aufwendigen Konsultationsprozess ein Konzept von Prioritäten und Posterioritäten der künftigen diözesanen Aktivitäten beraten und in Kraft gesetzt. "Zeichen setzen in der Zeit", der eine Teil der Zukunftsstrategie, markiert die unverzichtbaren Aufgaben. "Heute für morgen das Nötige tun" benennt neben dem Unverzichtbaren auch Tätigkeitsbereiche, die in die zweite Reihe treten können. Mit dieser Strategie hat die Diözese auch ein strukturelles Sparziel im Umfang von 70 Millionen Euro pro Jahr verknüpft und erreicht.

Dass Bischof Fürst seit Beginn seiner Amtszeit sechsmal in die unterschiedlichsten Weltgegenden reiste – zu Beginn dieses Jahres nach Indien – und dort Ordensgemeinschaften aus der Diözese und vielfältige Partnerschaftsprojekte besuchte, macht deutlich, dass "Ökumene", die weltweite Gemeinschaft und Verantwortung, zentral zu seinem Verständnis der Kirche gehört. Und auch im Nahbereich ist Ökumene ein selbstverständliches Markenzeichen. Dass Frank Otfried July, der Landesbischof der Evangelischen Kirche in Württemberg, im Gottesdienst zum 10. Weihejubiläum im Rottenburger Dom dem katholischen Mitbruder ein Grußwort spricht, ist so bezeichnend wie "normal".

Pünktlich zum Weihejubiläum erscheint unter dem Titel "Für eine bewohnbare Kirche. Perspektiven einer menschennahen Pastoral" ein Buch des Bischofs. In 32 exemplarisch ausgewählten Beiträgen zeigt er das Spektrum der theologischen, pastoralen, politischen und kulturellen Themen auf, die ihn in der zurückliegenden Dekade seine Wirkens als Bischof beschäftigt haben und die er als zentrale Aspekte einer Kirche versteht, die den Menschen in ihren intellektuellen, spirituellen, sozialen, ethischen und ästhetischen Bedürfnissen eine Heimat bietet.

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Freitag, 17. September 2010, 18 Uhr: Pontifikalgottesdienst zum 10. Jahrestag der Bischofsweihe von Bischof Dr. Gebhard Fürst im Dom Sankt Martinus in Rottenburg. Anschließend bringen Bürgerwache und Stadtkapelle auf dem Marktplatz eine Serenade dar.

Erscheint zum 17. September:
Gebhard Fürst, Eine bewohnbare Kirche. Perspektiven einer menschennahen Pastoral, Ostfildern (Schwabenverlag) 2010, 274 S., Hardcover, ISBN 978-3-7966-1534-4, 19,90 €.