Dialog hat keine Alternative

Der Großmufti von Sarajewo, Mustafa Cerić, tauschte sich mit dem Oberhirten der Württembergischen Katholiken bei dem über zweistündigen, in herzlicher Atmosphäre verlaufenen Treffen über aktuelle Fragen des interreligiösen Dialogs und über konkrete Formen der Zusammenarbeit zwischen der Diözese Rottenburg-Stuttgart und den Muslimen in Bosnien-Herzegowina aus.

Cerić, promovierter Theologe und Philosoph und derzeit als Professor an der Islamischen Fakultät in Sarajewo sowie in Kuala Lumpur/Malaisia tätig, hatte am Samstagvormittag in Stuttgart den diesjährigen Theodor-Heuß-Preis in Empfang genommen, zu dem ihm Bischof Fürst im Namen der Diözese gratulierte. Cerić trägt den Titel eines Rais-ul-Ulema, eines „Führers der Gelehrten“. 1993 und erneut 1998 zum Großmufti von Bosnien und Herzegowina gewählt, ist er als „Oberster Gelehrter“ der bosnischen Muslime deren höchster Repräsentant. Sein Amt ist einmalig in der ganzen Welt.

Großmufti Cerić hat sich in Büchern und politischen Erklärungen durch sein entschiedenes Bekenntnis zur europäischen Aufklärung und ihren demokratischen Werten profiliert. Bischof Fürst würdigte ihn als glaubwürdigen Vermittler zwischen Ost und West sowie in den interreligiösen Spannungen. Die bosnische Muslime, betonte Cerić, könnten mit ihrer jahrhundertealten europäischen Geschichte und Tradition einen wichtigen Beitrag zur Integration der europäischen Gesellschaften leisten. Bosniens Hauptstadt Sarajewo, wo über viele Generationen hinweg eine Vielfalt von Ethnien, Kulturen und Religionen zusammengelebt hätten und nach dem Krieg wieder zu einander finden müssten, sei ein „Laboratorium“ und könne als Modellfall nicht nur für die Balkanregion, sondern für einen gesamteuropäischen Integrations- und Friedensprozess insgesamt gelten. „Dialog hat keine Alternative“, betonte Cerić. Sarajewo als Stadt der Multikulturalität könne ein Symbol der Hoffnung für Europa werden und sei in seinem Versöhnungsbemühen „zum Erfolg verurteilt“.

Übereinstimmend betonten Bischof Fürst und Großmufti Cerić die gemeinsame Verantwortung der Religionen für eine humane Bewältigung der weltweit anstehenden Menschheitsprobleme. Es sei von entscheidender Bedeutung, betonte Bischof Fürst, ob der Mensch als Geschöpf Gottes in seiner unverfügbaren Würde geachtet oder lediglich als Sache betrachtet und in Produktionsprozessen instrumentalisiert werde. Ähnliches gelte für einen rücksichtsvollen Umgang mit der natürlichen Umwelt. Die monotheistischen Religionen, so Cerić, dürften nicht weiter Ursache von Konflikten sein, sondern die Gläubigen müssten gemeinsam ihre Kraft für eine humanere Zukunft einsetzen.

In dem Gespräch wies Bischof Gebhard Fürst auf die langjährige enge Verbindung zwischen der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, deren Direktor er von 1986 bis 2000 war, und der Islamischen Fakultät in Sarajewo hin. Die Akademie, Partnerin einer Reihe gemeinsamer Veranstaltungen, ist Vorbild für ein „Interreligiöses Institut“ in Sarajewo, das derzeit unter beratender Mitwirkung ihrer Mitarbeiter gegründet wird. Bischof Fürst und Großmufti Cerić vereinbarten eine weitere Intensivierung der Zusammenarbeit, so etwa durch Hospitationsmöglichkeiten von Studenten aus Sarajewo an der Katholischen Akademie in Stuttgart oder durch die Förderung des Studiums der deutschen Sprache an der Islamischen Fakultät in Sarajewo.

Der prominente muslimische Gast lud Bischof Fürst offiziell zu einem Besuch nach Sarajewo ein, um die bereits bestehenden Beziehungen und die Zusammenarbeit zwischen beiden Seiten zu vertiefen.