Dialog und praktizierte Zeitgenossenschaft

Anliegen der Neujahrsansprachen, die Bischof Fürst dieses Jahr zum zehnten Mal hält, sei es, zu Problemen und Herausforderungen der Zeit aus dem Geist des Christentums heraus Stellung zu beziehen. Daraus, so Bischof Fürst, leite er politisch-pastorale Schwerpunkte ab, denn kirchliches Handeln müsse „auf Augenhöhe und in christlich-kirchliche Zeitgenossenschaft gestaltet“ werden. Der Bischof appellierte aber auch die Bereitschaft bei den Protagonisten von Politik, Kultur und gesellschaftlichem Leben, die Impulse der Kirchen „im Interesse der Gestaltung des Ganzen“ aufzunehmen und den Dialog zu pflegen.

Beharrliches Eintreten für den Schutz des Lebens bewährt sich

Zu den bedrängenden Herausforderungen der Zeit gehört für Bischof Fürst die Forschung mit embryonalen menschlichen Stammzellen, angesichts derer er „Täuschungen und Enttäuschung“ konstatierte. Seine klare Ablehnung in dieser Frage habe bereits während seiner Mitgliedschaft im Nationalen Ethikrat der Bundesregierung und bis heute als Vorsitzender Unterkommission Bioethik der Deutschen Bischofskonferenz geäußert. Die für die Forschung erforderliche Tötung menschlicher Embryonen sei ethisch nicht vertretbar und werde von der Verfassung missbilligt. Es sei „nicht wissenschaftsfeindlich, aber lebensfreundlich eingestellt“, betonte der Bischof. Er sei sich bewusst, dass es von Anfang an „um den schmalen Grat von verheißungsvollen Versprechungen, Möglichkeiten der Forschung und ethischen Überlegungen“ gegangen sei. Menschenwürde, die Freiheit der Forschung und die Heilserwartungen kranker Menschen müssten ins rechte Verhältnis gebracht werden, so Bischof Fürst. Aber die Vertreter der Forschung mit embryonalen Stammzellen hätten mit falschen Annahmen über Heilungsmöglichkeiten und mit unrichtigen Argumenten die öffentliche Meinung beeinflusst und eine Gesetzgebung zu ihren Gunsten erwirkt. Von Anfang an sei dies trügerisch gewesen, wie sich heute bewahrheite. Keine der in Entwicklung befindlichen Therapien sei über das Stadium von Tierversuchen hinausgegangen. Auch das Risiko von Tumorbildungen werde nicht angemessen dargestellt. Dagegen sei die ethisch unbedenkliche Erforschung adulter Stammzellen bislang im Schatten gestanden. Allerdings habe das Verbot verbrauchender Embryonenforschung in Deutschland gerade hier viel Kreativität bei der Nutzung adulter Stammzellen für therapeutische Verfahren geführt, betonte der Bischof. Dies sei „eine gute, menschenfreundliche und das Leben schützende Entwicklung“. Sie sei für ihn ein Hinweis darauf, wie sich der beharrliche und intensive Schutz des Lebens bewähren könne. „Mit guten Gründen“, so Bischof Fürst, stehe „in absehbarer Zeit keine weitere Aufweichung des deutschen Embryonenschutzgesetzes“ an.

Bewahrung der Schöpfung ist Dienst am Frieden

Mit großer Enttäuschung habe er „den Verlauf und das Debakel“ des Weltklimagipfels in Kopenhagen und seine „Minimalkompromisse“ verfolgt, führte Bischof Fürst weiter aus. Angesichts drohender katastrophaler Konsequenzen der Erderwärmung müsse die Kirche das in ihrem Schöpfungsglauben gründende „Sanierungspotential“ zur Geltung bringen. Eine schöpfungsfreundliche Kirche, so der Bischof, leiste „einen diakonischen Dienst an der Zukunft der Menschheitsfamilie“ und am Frieden. Er bedauere, dass die deutliche Aufforderung Papst Benedikt XVI. in dessen Neujahrsansprache zu einem „ökologischen Mentalitätswechsel“ so wenig öffentliche Resonanz finde. Bereits in seiner Sozialenzyklika „Caritas in veritate“ habe der Papst den Zusammenhang von sozialer und ökologischer Verantwortung nachdrücklich herausgearbeitet und vor einer Ausbeutung der Umwelt zu Lasten kommender Generationen gewarnt. Bischof Fürst betonte, es gehe dabei nicht um programmatische Reden, sondern um konkretes, exemplarisches und „anstiftendes“ Tun. Es sei in eine lange Tradition praktizierter Schöpfungsverantwortung der Diözese Rottenburg-Stuttgart eingebettet, dass diese seit 2007 eine interdisziplinäre Klima-Initiative durchführe. Die Diözese fördere darin u. a. mit einem mit 12,4 Millionen Euro ausgestatteten „Nachhaltigkeitsfonds“ klimafreundliche Initiativen den Kirchengemeinden. Dies sei keine Anpassung an ein modisches Thema, sondern ein Zeichen dafür, dass die Kirche angesichts der globalen Umweltkrise ihre Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung und die Zukunft späterer Generationen ernst nehme. Der Bischof wies auf die jetzt vorliegende Zweijahresbilanz der Klima-Initiative hin, in der die bisher erfolgten Maßnahmen und Ergebnisse bei der Erzeugung und Nutzung erneuerbarer Energien, der Einsparung von Energie, der konsequenten ökologischen Entwicklung des umfangreichen Gebäudebestands und beim „Kirchlichen Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanagement“ in Kirchengemeinden und kirchlichen Einrichtungen dargestellt sind. Auch zahlreiche katholische Schulen hätten sich der Initiative angeschlossen. Die Klima-Initiative sei aber nicht nur auf die Diözese beschränkt, sondern fördere auch weltweit Pilotprojekte zum Klimaschutz, betonte Bischof Fürst. Er selbst etwa nehme seit Jahren das Patronat über ein inzwischen international renommiertes Zentrum für erneuerbare Energien mit dem Namen „Mithradham“ im südindischen Kerala wahr.

Religion ist eine öffentliche Angelegenheit

Religion und säkulare Welt müssten in einem Wechselverhältnis zu einander stehen, betonte Bischof Fürst unter Hinweis auf den Philosophen Jürgen Habermas. Er unterstrich dessen Überzeugung, dass moderne Gesellschaften auf ein Verständnis und auf die Potenziale religiöser Traditionen angewiesen seien, wenn sie das Humane stärken wollten. Demokratie sei auf moralische Haltungen angewiesen, die aus religiösen Quellen stammten. Deshalb dürfe Religion nicht aus dem öffentlichen Diskurs hinaus gedrängt werden. Der Staat sei zu seinem Funktionieren auf Voraussetzungen angewiesen, die er selbst nicht schaffen könne, führte der Bischof in Anlehnung an den Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde weiter aus. Er dürfe daher religiöse Menschen und die Kirchen als Träger dieser Voraussetzungen nicht behindern und ausgrenzen. Sonst schade sich die Gesellschaft selbst und beschädige „die humane, soziale, gerechte und ökologische Qualität des Zusammenlebens“. Vielmehr müsse der Staat alles dazu beitragen, dass der Dialog zur Wahrung des Humanum in der Gesellschaft lebendig bleibe. „Der Dialog von religiösem und säkularem Bewusstsein“ sei „das zentrale Gebot praktizierter Zeitgenossenschaft von Staat und Kirche“, schloss Bischof Fürst.

Dr. Thomas Broch