Die „Affäre Sproll“

Waren die Hintergründe dieser langen Sedisvakanz bislang mehr oder weniger unerforscht, so konnte jetzt der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf mit seiner sorgfältig recherchierten Studie „Die Affäre Sproll – Die Rottenburger Bischofswahl von 1926/27 und ihre Hintergründe“, soeben bei Thorbecke, Ostfildern, erschienen, erstmals Licht in die teilweise dramatischen Umstände bringen, die den Beginn der Amtszeit Sprolls als Rottenburger Bischof begleiteten. Angesichts der schwierigen und unvollständigen Aktenlage, mit der Wolf zu kämpfen hatte und die eine exakte Darstellung bislang unmöglich gemacht hatte, ist es verdienstvoll, dass dieser die verschiedenen Schichten der Problematik nun sehr detailliert frei gelegt hat. Er stellt dabei zum einen die Schwierigkeit der Kandidatensuche für die Keppler-Nachfolge heraus, bei der sich persönliche Interessen einzelner Prätendenten bis hin zum Versuch massiver Intrigen mit differierenden Einschätzungen der jeweiligen Kandidaten-Persönlichkeiten sowie mit kirchenpolitischen Optionen vermischten. Sproll war dabei nicht die erste Wahl von Nuntius Eugenio Pacelli – zum einen, weil er ihm nach dem aristokratisch auftretenden Bischof von Keppler nicht die adäquate persönliche Statur zutraute, zum anderen, weil er ihn nicht für geeignet hielt, die von Rom gewünschte neuscholastische „Reform“ der Tübinger katholisch-theologischen Fakultät durchzusetzen. Es galt als Makel, von der „Tübinger Schule“ geprägt zu sein. Aber schließlich behielt die persönliche Geradlinigkeit und Volksnähe Sprolls, der gleichwohl ein gebildeter Mann war, die Oberhand. Komplikationen entstanden aber auch durch unterschiedliche Interpretationen der staatskirchenrechtlichen Situation, bei denen Rom lange gegen die Intentionen der württembergischen Staatsregierung und des Rottenburger Domkapitels auf dem freien Ernennungsrecht bestand. Der Beharrlichkeit besonders von Staatsminister Eugen Bolz sowie des Domkapitels ist es zu verdanken, dass Sproll schließlich in einem zumindest teilweise partizipativen Verfahren zum Bischof gewählt werden konnte, das bis heute in Geltung ist. Eine entscheidende Entdeckung ist Hubert Wolf gelungen, der an Hand des jetzt frei gegebenen Geheimarchivs Papst Pius XI. herausarbeiten konnte, warum zwischen der Wahl und der Ernennung Sprolls am 12. bzw. 27. März 1927 noch einmal ein Vierteljahr vergehen sollte, bis er sein Amt antreten konnte. Durch eine Intrige war dem Nuntius zugespielt worden, dass Sproll im Februar 1927 sich in einem gerichtlichen Verleumdungsverfahren gegen Gerüchte zur Wehr setzen musste, er sei Vater eines unehelichen Kindes. Die „Affäre“ war rasch aus der Welt geschafft worden, konnte Sproll letztlich auch nicht schaden – und verlängerte dennoch die Sedisvakanz in Rottenburg weiter. 80 Jahre lang war eine Aufarbeitung dieses Gerüchts, das eine gewisse Hartnäckigkeit beweisen sollte, nicht möglich. Wolf konnte nun mit seinen Recherchen ein mögliches erstes Hindernis für ein Seligsprechungsverfahren aus dem Weg räumen.

Die Hintergründe der Bischofswahl bilden den Hauptteil von Hubert Wolfs Untersuchung. Bischof Sprolls Verhalten im Nationalsozialismus, seine Rückkehr aus dem unfreiwilligen Exil und seine Würdigung im Spiegel zeitgenössischer Äußerungen nehmen einen kleinen – wenngleich lesenswerten – Raum ein. Es macht insgesamt neben den weitgehend völlig neuen historischen Erkenntnissen die Stärke dieses Buchs aus, dass die darin edierten 71 Dokumente aus der Zeit zwischen dem 16. Juli 1926 und dem 27. Juni 1927 in den einleitenden Kapiteln so spannend ausgewertet und literarisch aufbereitet worden sind, dass man den Band erst wieder nach der Lektüre dieser ersten fast 80 Seiten aus der Hand legen möchte. Deutlich wird aber auch, welche schwere Hypothek – von Sproll in keiner Weise verschuldet – von Anfang an auf seinem Wirken als Bischof lastete. Seiner Verehrung bei den Gläubigen seiner Diözese hat dies bis zum heutigen Tag keinen Abbruch getan.

Hubert Wolf, Die Affäre Sproll. Die Rottenburger Bischofswahl 1926/27 und ihre Hintergründe“, Ostfildern 2009 (Thorbecke-Verlag), 263 Seiten mit einigen s/w-Abbildungen, 17 × 24 cm, gebunden, ISBN: 978-3-7995-0830-8, € 24,90, sFr 44,90