Die Begegnung mit der Vernunft gehört zum Zentrum des christlichen Glaubens

Besonders hob Bischof Fürst auch den 30. Jahrestag der Gründung eines Lateinaufbauzugs am Rottweiler Konvikt hervor. Neben dem Erlernen von Latein, Griechisch und Hebräisch würden bei Schülerinnen und Schülern auch wesentliche Inhalte einer humanistischen Bildung grundgelegt und Grundkenntnisse abendländischer Kultur vermittelt.

Vom Zusammenwirken des christlichen Glaubens und humanistischer Bildungszielen heute schlug der Bischof eine Brücke zur Missionstätigkeit des Apostels Paulus an den Anfängen der Kirche. Da dieser vor allem in der griechischen Welt gewirkt habe, seien von Anfang an griechische Philosophie und christliches Denken ins Gespräch mit einander gekommen. Dieses Zusammentreffen sei für den christlichen Glauben nichts Zufälliges. Vielmehr habe es von Anfang an zur Mitte des Glaubens gehört, den Gründen der Vernunft offen gegenüber zu stehen. Aus der Geschichte der Anfänge sei bis heute gültig zu lernen, dass die Kirche nur auf Augenhöhe mit ihrer jeweiligen Zeit Bedeutung erlangen und ihre Botschaft weitergeben könne. Es gehöre zu den zentralen Bestandteilen des Christentums, die Anfragen des Denkens und das Licht der Aufklärung nicht zu scheuen, sondern sich diesen bewusst zu stellen und „die Herausforderungen des Verstandes als wesentliche Bereicherung der Gründe und Abgründe des Glaubens zu verstehen“, betonte Bischof Fürst. Und weiter: „Es ist ein herausragender Teil, ja ein Alleinstellungsmerkmal der christlichen Religion, dass sie sich ohne Vorurteile, ohne Angst und in dialogbereiter Augenhöhe mit den Fragen und Herausforderungen des Denkens und der Vernunft auseinandersetzt.“ Der Glaube entbinde die Christen nicht von der Verantwortung, selbst zu kritisch denken, sich um Verstehen und Einsicht zu bemühen und nach der eigenen Position im Denken, Leben und Glauben zu suchen. Allerdings reiche der Glaube auch an Gründe heran, die dem Verstand letztlich nicht zugänglich seien. Umgekehrt, so Bischof Fürst, würde sich die säkulare Gesellschaft von wesentlichen Inhalten für eine humane Zukunft selbst abschneiden, wenn sie ihrerseits den Dialog mit dem christlichen Glauben nicht pflegen würde.

Den jugendlichen und erwachsenen Zuhörern gab der Bischof als Impuls mit, „dass unser Glaube uns keinesfalls verschließen und ängstlich im Zimmer des Rückzugs und in abgeschlossenen Zellen der Dialogverweigerung einsperren will“. Vielmehr wolle er befreien und offen machen für die Begegnung mit den Menschen unserer Zeit.