„Die Frauen sind die wirklichen Heldinnen.“

Die Frauen müssten die Hauptlast der kinderreichen Familien tragen und oft Schwerstarbeit leisten. Die Männer seien bei der hohen Arbeitslosigkeit oft lange abwesend oder verlassen ihre Familien auf der Suche nach Arbeit für immer. Häufig nähmen dann andere Männer ihre Stelle ein; der Missbrauch heranwachsender Mädchen in der Familie gehöre oft zur Tagesordnung, berichtete Stroppel. Die Kirche sei die einzige Instanz, die diese Probleme überhaupt benenne. So werde den Mädchen und jungen Frauen in La Paz Aufnahme in kirchliche Häuser angeboten. Dort erhielten sie die Möglichkeit zur Berufsausbildung und psychologische Betreuung für die Bearbeitung ihrer seelischen Traumatisierungen.

Generalvikar Stroppel, der in Begleitung von Johannes Bielefeld und Gertrud Frank-Vizemann, dem kommissarischen Leiter der Hauptabteilung Weltkirche und der Fachreferentin für Lateinamerika, in Bolivien unterwegs war, besuchte dort Projekte, die von der Diözese Rottenburg-Stuttgart gefördert werden. Der früher in der Diözese wirkende Priester José Neuenhofer etwa hat – neben der erwähnten Arbeit mit Mädchen und Frauen – in La Paz das Sozial- und Bildungsprojektprojekt „Arco Iris“ für Straßenkinder und –jugendliche aufgebaut, von denen in der bolivianischen Hauptstadt zwischen 35.000 und 45.000 leben. Ehemalige Schüler von „Arco Iris“, so erzählte Stroppel, seien heute als ausgebildete Lehrer, Sozialarbeiter, Psychologen oder auch Geschäftsführer kleiner Unternehmen wieder dort tätig. Neben „hervorragenden Entwicklungsgeschichten“ gebe es allerdings auch Enttäuschungen, wenn soziale Hürden oder Arbeitslosigkeit die Chancen der jungen Menschen beeinträchtigten.

Eindrucksvoll, so Stroppel, sei für ihn auch eine Integrationsschule für behinderte Kinder des Bischöflichen Schulwerks in Cochabamba gewesen. Diese Kinder würden von den Eltern zumeist als Unglück erlebt und versteckt. Viele würden vernachlässigt und verhungerten. Die Einrichtung für diese Menschen in Cochabamba sei seines Wissens für Bolivien einmalig.

Auf dem Besuchsprogramm stand auch die Diözese San Ignacio de Velasco, der der ebenfalls aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart stammende Bischof Carlos Stetter seit 1995 vorsteht. In der weit aus einander liegenden Diözese, in der der Bischof häufig nur mit dem von ihm selbst gesteuerten Flugzeug seine Gemeinden erreichen kann, unterstützt die Diözese besonders den Aufbau der Infrastruktur in den Gemeinden und die Funktionsfähigkeit des kirchlichen Krankenhauses. Auch eine eigene Radiostation gehört zu der Ausstattung der Diözese San Ignacio, denn nur so, berichtete Generalvikar Stroppel, erreichten Informationen und Bildungsangebote auch die entlegensten Gemeinden.

Sehr bewegt, so Stroppel, hätten ihn die Erfahrungen elementarer Menschlichkeit. So sei ihm von einem Kind berichtet worden, das mittags von der Schule nach Hause komme und seine Kleider einem jüngeren Geschwisterkind gebe, damit dieses nachmittags die Schule besuchen könne. Um alle Kinder für den Schulbesuch mit Kleidung auszustatten, fehle der Familie das Geld. Solche Erfahrungen könnten hierzulande wieder zu einer „Grunddankbarkeit“ zurückführen und zu einer Besinnung darauf, was das Leben wirklich glücklich und wertvoll mache, sagte der Generalvikar.

Dr. Thomas Broch