Die Friedensbotschaft des Islam stärken

Es gehe ihm darum, sagte der Bischof zu seinen Gästen, „gemeinsam und verstärkt nach Möglichkeiten zu suchen, einander noch besser kennen zu lernen, den anderen zu verstehen, tragfähige Brücken zu einander zu bauen, um miteinander das Zusammenleben in der einen Welt und in unserer Gesellschaft zu ermöglichen“. Er begrüße es sehr, dass sich alle bedeutenden islamischen Organisationen in Baden-Württemberg um eine gemeinsame Plattform bemühten, um mit einer Stimme zu sprechen, betonte Bischof Fürst. Am 20. Oktober 2007 hatte dazu in Stuttgart ein Empfang stattgefunden, bei dem der für den interreligiösen Dialog zuständige Rottenburger Domkapitular Hubert Bour als Gast und Festredner anwesend war.

Als Hauptanliegen brachte Bischof Fürst das Thema „Gewalt“ in das Gespräch ein. Die „Sinnspitze der christlichen Botschaft“ ziele „unzweideutig“ darauf ab, „den Menschen aufzuzeigen, dass ihr Leben mit allen Anfeindungen, Niederlagen und Brüchen nur dann gelingen und menschlich gestaltet werden kann, wenn sie sich aus der Liebe heraus, mit der sich Gott ihnen zuwendet, auch ihrem Nächsten zuwenden“, sagte der Bischof. Er wies auf das „Islamische Wort“ von Aiman A. Mazyek vom 3. August 2007 im SWR hin, der diese Sicht auch für den Islam in Anspruch genommen und dies mit guten Argumenten aus dem Koran und der Sunna belegt habe. Der Gewalt im Namen des Islam trete dieser mit Entrüstung entgegen. Problematisch sei es, so Bischof Fürst, dass sich Gruppen von Muslimen, die Gewalt als legitimes Mittel zur Durchsetzung des göttlichen Willens betrachteten, ebenfalls in Übereinstimmung mit Koran und Sunna sähen. Diese Zweideutigkeit sei beunruhigend. Der Bischof betonte, Gewalt sei kein besonderes islamisches, sondern ein allgemein menschliches Problem. Auch Christen hätten sich bis heute unter Berufung auf Gott immer wieder der Gewalt bedient. Aber damit widerlegten sie sich als Christen selbst und würden durch Christus eindeutig widerlegt. Die Botschaft der Liebe Gottes könne nicht mit Gewalt durchgesetzt werden. Vom christlichen Zeugnis könne „niemals Gewalt ausgehen“, betonte Bischof Fürst; vielmehr müsse „um der Liebe willen auch Unrecht hingenommen werden“.

Er begrüße sehr die glaubwürdigen Appelle und Resolutionen von Muslimen auf unterschiedlicher Ebene gegen Gewalt und sei dafür dankber, unterstrich der Bischof. Dennoch sehe er eine gewisse Ratlosigkeit. Es sei ihm wichtig, für die Anliegen der Muslime in unserer Gesellschaft mit guten Argumenten eintreten zu können. Von dem Gespräch erhoffe er daher weiterführende Perspektiven, dass gewalttätige Muslime durch Koran und Sunna eindeutig widerlegt werden.

Für die Vertreter der muslimischen Organisationen bedankte sich Riad Ghalaini von der Islamische Glaubensgemeinschaft in Baden-Württemberg (IGBW) für das Angebot des Gesprächs. Er wandte sich gegen die „fast automatische Verbindung von Islam und Gewalt“ in den Medien und im zeitgenössischen europäischen Denken. Allerdings werde dies auch dem Christentum und dem Judentum vorgeworfen. Heute werde vielfach die Ansicht vertreten, ohne Religion insgesamt könnten die Menschen friedlicher zusammenleben. Nach dem Koran, so Ghalaini, könne die Entscheidungsfreiheit den Menschen in höchste Höhen führen und in tiefste Tiefen stürzen. Im Koran werde der Prophet Mohammed als Vorbild für eine Haltung dargestellt, Gewalt nicht mit Gewalt zu beantworten, sondern Leiden zu ertragen. Der Kampf für den eigenen Glauben, aber auch für die Unversehrtheit von Kirchen und Synagogen, sei dem Prohheten in einer späteren Phase seines Lebens von außen aufgezwungen worden. Mohammed sei aber immer für Gerechtigkeit eingetreten, weil Gerechtigkeit der Gewalt vorbeuge. Übergriffe im Krieg, Gewalt gegen Wehrlose und gegen Frauen seien im Koran verboten. Im Vordergrund stehe ausdrücklich immer die Botschaft der Friedfertigkeit, der Vergebung und der Gnade. Für den Islam gelte, dass nur der Staat ein Gewaltmonopol habe. Wer dies unterlaufe, müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Staatliche Gewalt dürfe allerdings die Gerechtigkeit nicht unterlaufen, sonst sei staatliches Handeln ungesetzlich.

Ghalaini betonte, dass bestimmte Einzeltexte im Koran nicht verabsolutiert und aus dem Zusammenhang gerissen werden dürften. Der Koran müsse im Kontext der gesamten Lehre und Tradition des Islam und mit exegetischen Methoden ausgelegt werden. Jede einseitige Verzerrung sei unverantwortlich. Bestätigt wurde dies durch Ferid Kugic von der Islamischen Gemeinschaft der Bosnier. Der Koran in seiner heutigen Zeit sei das Ergebnis eines langen geschichtlichen Prozesses und müsse im Gesamtzusammenhang gedeutet werden. Dazu bedürfe es ebenso wie bei der Bibel einer hohen theologischen Kompetenz.

Ghalaini wies auf mehrere Veranstaltungen und Erklärungen der jüngsten Zeit hin, in denen sich die muslimischen Organisationen und Gemeinden gegen Gewalt und für Frieden einsetzten. Kein einziger Hassprediger komme aus den islamischen Gemeinden. Er nannte den Fall eines Extremisten in Neu-Ulm, der inzwischen als V-Mann des Verfassungsschutzes enttarnt worden sei. Dies sei besonders problematisch, weil seine Aktivitäten umfangreiche Maßnahmen des Verfassungsschutzes gegen die Moscheegemeinden ausgelöst hätten.

Yavuz Kazanc vom Verband Islamischer Kulturzentren Landesverband Baden-Württemberg (VIKZ) betonte das Bemühen der meisten hier lebenden Muslime um ein friedvolles Zusammenleben. „Der Gläubige“, so Kazanc, „ist derjenige, bei dem die anderen Menschen in Sicherheit leben.“ Die muslimischen Gemeinden bräuchten auch die Hilfe der Kirchen, um die erforderlichen Brücken zwischen den Religionen bauen zu können. Ein großes Problem, so Ferid Kugic, sei es, die Friedensbotschaft an extremistische Gruppen heranzutragen. Auch er betonte, gewalttätige Extremisten seien keine Muslime, weil im Namen Gottes keine Gewalt ausgeübt werden dürfe. Der Islam verbiete jeden Angriff auf Menschenwürde und Menschenrechte. Extremisten halte er für Verführte. Dennoch bleibe es eine enorme Herausforderung, diese Menschen zu erreichen. Einigkeit bestand auch über die Aussage von Ali Okumus von der Türkisch-islamische Union für religiöse Angelegenheiten (DITIB), dass die mit dem Islam in Verbindung gebrachte Gewalt zumeist nicht durch religiöse Motive begründet sei, sondern dass man auch politische, soziale und wirtschaftliche Faktoren gerade in muslimisch geprägten Ländern sehen müsse.

Aus Sicht der christlichen Gesprächsteilnehmer ist es eine bislang noch ungelöste Frage, ob die Friedensbotschaft des Koran nur eine mögliche Auslegung sei, der gewaltorientierte Aussagen gleichberechtigt gegenüber stünden. Hilfreich wäre es ihrer Ansicht nach, die Gewaltfreiheit des Islam durch objektive Aussagen zu untermauern, um auch von christlicher Seite antiislamischen Widerständen in der Gesellschaft entgegentreten zu können. Fundamentalisten, die Gewalt vom Glauben her rechtfertigten, gebe es in beiden Religionen, darin stimmten beide Seiten überein. Auch das Christentum sei bis heute nicht immer „auf der Höhe ihres Religionsstifters“, räumte Bischof Fürst ein. Allerdings, so der Bischof, habe Papst Johannes Paul II. etwa dem amerikanischen Präsidenten entschieden darin widersprochen, den Krieg im Irak mit christlichen Argumenten begründen zu wollen.

Die Vertreter der Diözese Rottenburg-Stuttgart griffen den Vorschlag von Riad Ghalaini positiv auf, in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe die theologische Fundierung der Friedensbotschaft des Koran vertieft zu bearbeiten und für eine für beide Seiten hilfreiche Argumentation nutzbar zu machen. Denkbar sei es, eine bereits bestehende Arbeitsgruppe der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Baden-Württemberg (ACK) um muslimische Mitglieder zu erweitern.


Gesprächsteilnehmer waren seitens der Islamischen Organisationen:
Riad Ghalaini, Islamische Glaubensgemeinschaft in Baden-Württemberg (IGBW), Stuttgart
Yavuz Kazanc, Verband Islamischer Kulturzentren Landesverband Baden-Württemberg (VIKZ), Stuttgart
Adem Kaya, Frau Hanim Kaya, Islamische Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG) Regionalverband Südwesten, Stuttgart
Dr. Ferid Kugic, Islamische Gemeinschaft der Bosnier, Ostfildern
Hasan Yerkazan, Türkisch-islamische Union für religiöse Angelegenheiten (DITIB), Stuttgart
Ali Okumus, DITIB, Stuttgart

Seitens der Diözese Rottenburg-Stuttgart:
Bischof Dr. Gebhard Fürst, Rottenburg
Domkapitular Hubert Bour, Rottenburg
Dr. Wolfgang Rödl, Rottenburg
Dr. Hansjörg Schmid, Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Stuttgart
Dr. Thomas Broch, Rottenburg (Pressesprecher)