Missbrauch und Prävention

Die Kommission sexueller Missbrauch

Monika Stolz

Monika Stolz, Vorsitzende der Kommission sexueller Missbrauch. Bild: dpa / Marijan Murat

Statement von Dr. Monika Stolz, der Vorsitzenden der Kommission sexueller Missbrauch.

1. Persönliches

Als ehemalige Politikerin, die als Kinderbeauftragte des Landes mit dem Thema Kinderschutz befasst war, aber auch als vierfache Mutter und mehrfache Großmutter war und ist es mir ein Anliegen, dass die Kinder in unserer Gesellschaft vor Missbrauch geschützt sind, sei es in der Familie, in den Sportvereinen, in den Schulen, in den Freizeiteinrichtungen – und eben auch im kirchlichen Bereich. Die im März letzten Jahres vorgestellte Studie der Universität Ulm (Prof. Fegert) kommt zu dem Ergebnis, dass jeder siebte Bundesbürger in seine Kindheit und Jugend sexuellen Missbrauch erlebt hat, mit oft lebenslangen gesundheitlichen Folgen. Prof. Fegert: „Kinderschutz und die Berücksichtigung von Kindheitsbelastungen bleiben eine andauernde Herausforderung“ – ich füge hinzu: für die gesamte Gesellschaft. Heute geht es um die Situation und die Anstrengungen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

2. Die Kommission als Team

Anstelle eines Missbrauchsbeauftragten wie in anderen Diözesen arbeiten wir in einem interdisziplinären Team. Ich empfinde es als sehr erleichternd, sich beraten zu können. Auch empfinde ich die Anwesenheit der für das Personal zuständigen Hauptabteilungsleiter und eines Diözesanrichters als hilfreich, da die Umsetzung von Maßnahmen direkt besprochen werden, die Verantwortlichen Rede und Antwort stehen müssen, sich also nicht entziehen können. Wir tagen 7 - 10 Mal pro Jahr.

 

3. Grundsätze unserer Arbeit

  • Die Bedürfnisse und die Situation der Betroffenen stehen im Mittelpunkt. So können sie sich an jedes Kommissionsmitglied ihres Vertrauens wenden (Kontaktadressen im Internet) und das persönliche Gesprächsangebot annehmen.
  • Die Kommission ist seit 2002 jedem Vorwurf nachgegangen (die Daten können sie der Aufstellung in der Pressemappe entnehmen), unabhängig davon, ob es sich um Grenzverletzungen, sexuellen Missbrauch oder schweren sexuellen Missbrauch handelt, und unabhängig von der Zuständigkeit. Dies geschah aus Respekt vor den Betroffenen, die sich an die Diözese wenden ohne Kenntnis der Zuständigkeit. Mittlerweile gibt es Kommissionen zur Untersuchung bei Vowürfen sexuellen Missbrauchs innerhalb des Caritasverbandes, dem BDKJ, dem DJK-Diözesansportverband, dem Ordensrat der Frauenorden und der Stiftung Freie Katholische Schulen. Sie müssen der KSM über die Fälle und getroffenen Maßnahmen berichten.
  • Unsere Erfahrung ist, dass das Gehört-Werden, das Wahrnehmen der Schwere der Belastung und des Leids für die Betroffenen das Wichtigste ist. Dabei ist es oft eine große Belastung, über das Geschehene zu reden. Die Forderung nach finanziellen Leistungen ist oft zweitrangig. Daher ist es unser Ziel, dass Betroffene möglichst nur ein einziges Mal ihre Geschichte erzählen müssen, um Re-Traumatisierungen zu vermeiden. Das ganze Wissen über die Situation ist in der Kommission gebündelt.
  • Wir prüfen die Plausibilität der Vorwürfe, d. h. ob sie einleuchtend und nachvollziehbar sind.
  • Bei strafbaren Handlungen streben wir an, dies der Staatsanwaltschaft zu melden. Dies kann jedoch nur mit dem Einverständnis der Betroffenen geschehen. Es kommt vor, dass die Betroffenen dies nicht wünschen, weil sie keine erneute – und möglicherweise langwierige – Auseinandersetzung mit dem Geschehenen ertragen wollen oder können.
  • Betroffene können einen Antrag auf Auszahlung einer „Anerkennungsleistung“ stellen. Unser Anliegen ist, dabei zeitnah und unbürokratisch zu entscheiden. Bis Ende August 2018 wurden insgesamt knapp 640.00 Euro in „Anerkennung des Leids, das Opfern sexuellen Missbrauchs zugefügt wurde“ ausbezahlt. Bei den Opfern handelt es sich um Personen, die nicht nur durch Kleriker der Diözese geschädigt wurden, sondern auch durch Ordensleute und Laien im Dienst der Diözese sowie durch Mitarbeiter der Caritas. In der Regel werden 5.000 Euro ausbezahlt, in einigen schweren Fällen bis zu 10.000 Euro. Zusätzlich wurden Therapiekosten in Höhe von rund 130.000 Euro übernommen.
  • Natürlich beraten wir auch, wie mit den Beschuldigten und Tätern verfahren werden sollte. Bischof Fürst hat schon die Konsequenzen für die Kleriker erläutert; bei weltlichen Beschäftigten gelten arbeitsrechtliche Bestimmungen. Ein Missbrauchsvorwurf führt oft auch zu „Irritationen der Systeme“ vor Ort, also in der betroffenen Gemeinde, des Kindergartens, der Einrichtung. Hier wird zunehmend Unterstützung seitens Fachleuten der Diözese angeboten.

4. Rahmen der KsM-Arbeit

Zur Verfolgung, Klärung und Bearbeitung von Missbrauchsfällen, zu materiellen Leistungen in Anerkennung des Leids und zur Zusammenarbeit mit den Kommissionen der rechtlich selbstständigen Einrichtungen in der Diözese hat der Bischof Verfahrensregelungen erlassen. Diese geben den nachvollziehbaren Rahmen unserer Arbeit vor, ohne ein starres Gerüst zu sein. Natürlich arbeiten wir im Rahmen des Rechtsstaates, d. h. wir müssen die Regeln des Persönlichkeitsschutzes von Betroffenen und Beschuldigten und auch den Datenschutz beachten.

5. Jeder Fall ist ein Hinweis auf Weiterentwicklung der Prävention

Jeder Fall ist anders, mal mehr, mal weniger komplex. Es ist uns wichtig, dass jedes Geschehene aufgearbeitet wird und in weitere Präventionsbemühungen mündet. Deshalb ist es wichtig, dass auch die Präventionsbeauftragte als beratendes Mitglied in der Kommission mitarbeitet und wir gemeinsam ständig an Verbesserungen arbeiten.