Die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums zu deuten

Diese Fragen, formuliert von Heiner Giese, dem Diözesanbaumeister der Diözese Rottenburg-Stuttgart, waren für das öffentliche Forum zu dem Thema „Stadt-Architektur-Kirche“ leitend, mit der am Donnerstag in Stuttgart-Hohenheim die bundesweite Diözesanbaumeistertagung 2007 ihren Abschluss fand.

Den Auftakt bildete eine „Ikonographische Autobiographie“ des in der Schweiz tätigen Architekturprofessors Valerio Olgiati. Architektur, die eng mit der Person des Architekten verbunden ist, Gebäude, bestimmt von einer Idee – diese Grundpositionen wurden in den von Olgiati präsentierten Werkbeispielen deutlich. Architektur, so sein Anspruch, müsse „nichtkontextuell“ sein; sie müsse zwar einen funktionalen Bedarf befriedigen, zugleich aber sei sie Materialisierung einer Vision, in ihrem Konzept nur begrenzt vom Betrachter zu begreifen und somit die reine Zweckrationalität transzendierend. Kann dieser metaphysische Charakter von Architektur Vorbild für heutiges Bauen der Kirchen sein?

Dies weist zumindest eine Nähe zu der Forderung des Stuttgarter Stadtdekans Michael H. F. Brock auf, Kirchen dürften keine Zweckbauten sein, sondern müssten verkündigen. Sie müssten „Zeugnis von der Freiheit der Kinder Gottes geben“ und „glaubwürdiger Ausdruck des himmlischen Jerusalem in der Sprache unserer Zeit“ sein, forderte der Stuttgarter Seelsorger in seinem Referat „Pastoraler Raum Stadt“. Er stellte als Grundvoraussetzung für heutige Seelsorge fest, diese müsse sich kreativ auf den gesellschaftlichen Pluralismus und auf den „geweiteten Freiheitsraum“ der Menschen einstellen und die moderne Situation als Chance begreifen. Es sei die Hauptaufgabe der Kirche, so Brock, möglichst allen Menschen das Evangelium anzubieten. Dafür müsse die Seelsorge allerdings „eine neue Weite gewinnen“ und die herkömmlichen Formen der Gemeindeseelsorge zwar nicht ersetzen, aber durch eine Vielzahl neuer Gemeindetypen und durch niederschwellige Orte der Begegnung ergänzen. Ein bezeichnendes Merkmal der modernen Stadt sei eine Vervielfältigung von Kontakten und Events, die Intensität der Begegnungen nehme dabei jedoch ab. Die Seelsorge müsse dies ernst nehmen und mit niederschwelligen Angeboten dort präsent sein, wo sich die Menschen treffen, betonte Brock. Dabei müsse sie zugleich der Substanz der christlichen Botschaft verpflichtet bleiben. Als Beispiel dafür nannte er das im Bau befindliche „Haus der Kirche“ in der Stuttgarter Königstraße, das mitten in der Stuttgarter City ein offener Treffpunkt mit einem breiten Informations-, Kultur- und Gesprächsangebot werden soll. Die Anzahl der in Stuttgart lebenden Katholiken habe seit 1970 um 75.000 Personen abgenommen, dagegen sei die Zahl der Kirchen und anderer kirchlicher Gebäude gleich geblieben. Es müsse erlaubt sein zu überlegen, so der Stuttgarter Stadtdekan, ob die Anpassung an die veränderten Realitäten nicht auch eine veränderte Nutzung des Gebäudebestands erfordere. „Der Lebensraum Gemeinde ist der erste“, sagte Prälat Brock. „Er ist schützenswert. Zugleich müssen neue Orte geschaffen werden, die Themen setzen, neue Angebote, die einladend sind.“ Nicht nur Kirchen seien „heilige Orte“, sondern etwa auch ein Hospiz, wie es jüngst in Stuttgart-Degerloch eingeweiht worden sei, oder die neue Domsingschule im Stuttgarter Zentrum Auch die besondere Architektur dieser Gebäude und ihre Aufgabe im Ganzen der Seelsorge sei zeichenhaft für das Heilige.

Eine „Blickerweiterung“ für das, was „kirchliche Präsenz“ bedeutet, forderte auch Joachim Drumm, Ordinariatsrat und Leiter der Hauptabteilung Kirche und Gesellschaft der Diözese Rottenburg-Stuttgart, in seinem Redebeitrag über „Kirche und urbane Gesellschaft“. Kirche sei nicht nur Institution oder „Moralinstanz“, sondern „eine Gemeinschaft, die sich nicht selbst verdankt“, betonte Drumm. Sie befriedige nicht Bedürfnisse, „sondern sie feiert ein Geheimnis“. Kirche und Gesellschaft stünden einander nicht gegenüber, sondern Veränderungsprozesse der Gesellschaft wie Pluralisierung und Wertewandel und insgesamt eine „neue Unübersichtlichkeit“ spiegelten sich auch in Veränderungsprozessen der Kirche wider. Die Menschen dürften nicht den Eindruck gewinnen, so Drumm, „dass die Fragen, um die es in der Kirche geht, nicht die Fragen sind, mit denen sie sich tagaus, tagein beschäftigen“. „Glaubenswelt und Lebenswelt“ dürften nicht auseinanderfallen. Der Rottenburger Ordinariatsrat forderte von der Kirche „eine neue Achtsamkeit für das, was derzeit vor sich geht, um die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums zu deuten“. Die Stadt mit ihren vielfältigen Formen neuer Religiosität der „zweiten Moderne“ sei „der Ort, wo das Heilige in neuer Weise das profane Pflaster betritt“, sagte Drumm. Kirche müsse sich heute „auf das Säkulare einlassen, um im profanen Raum das Blick auf das andere, das Heilige freizulegen“. Dies bedeute unter anderem, Gemeinschaftsformen zu schaffen, „die unterschiedliche Grade von Nähe und Distanz nicht nur hinnehmen, sondern wertschätzen“. Ebenso brauche es Formen „temporärer Beteiligung“, betonte Drumm. Wichtige Stichworte für das Angebot der Kirche seien unter anderem Besinnung und Stille, Ästhetik, Symbolik und Gastfreundschaft.

Was eine „soziale Stadt“ ausmacht, ist nach den Ausführungen der Münchener Professorin für Stadtentwicklung Sophie Wolfrum nicht mehr eindeutig auszumachen. Moderne Megastädte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts wie etwa Brasilia oder Benidorm, einst als unsozial und inhuman verschrieen, zeigten sich heute als lebenswerte und soziale Gemeinwesen. Später seien strukturlose Massenansiedlungen entstanden – sie nannte als Beispiel Ferienansiedlungen an der spanischen Mittelmeerküste – die zwar einem extremen Bedürfnis nach Privatheit Rechnung trügen, in denen sich die Menschen aber geradezu ghettoartig abkapselten. Als ähnliche Orte „separater Communities“ erlebe sie auch „propper sanierte“ historische Altstädte, in denen oft die urbane Gemeinsamkeit verloren gehe, sagte Frau Wolfrum. Habe früher ein Verständnis des Menschen im Vordergrund gestanden, der sich als soziales und solidarisches Wesen selbst erschaffe, so dominiere heute weithin ein Bedürfnis nach Privatheit, in dem die Solidarität keinen Platz mehr habe. Ob diese beiden konträren Bedürfnisse überhaupt wieder in Übereinstimmung gebracht werden könnten, sei fraglich. Allerdings, so Wolfrum, sei dies für die Stadtentwicklung anzustreben. Auf jeden Fall müsse man sich mit Bewertungen zurückhalten, nach differenzierten Lösungen suchen und bei konkreten Entwicklungsprojekten den konkreten Bedürfnissen der dort lebenden Menschen „Zuwendung“ schenken, sagte Sophia Wolfrum.

„Das öffentliche Haus“, so der Architekt Professor Arno Lederer, „ist der Botschafter dessen, was eine Kultur ausmacht.“ Die Kirche sei die letzte, die heute die Kultur trage, denn, so Lederer, sie sei der Ort, wo Öffentlichkeit und Privatheit in besonderer Weise in Übereinstimmung stünden. Eine Kirche sei öffentlicher und gemeinschaftsstiftender Raum, in dem das Persönlichste des Menschen, der Glaube, gelebt und gefeiert werden. Sie müsse daher ihre zentrale Bedeutung im öffentlichen Raum behalten. Der Architekturprofessor zog daraus die Konsequenz, dass Kirchen auf keinen Fall profaniert und abgerissen werden dürfen. Zum anderen forderte er für neue kirchliche Architektur ein hohes Maß an ästhetischer Qualität.