„Durchgängig leidvolle Lebensmuster“

„Das bekommen wir am Telefon täglich zu spüren“, betont der promovierte Psychologe Plöger, dessen Stelle innerhalb der Diözese Rottenburg-Stuttgart der Hauptabteilung Caritas zugeordnet ist.

Wie ein roter Faden zieht sich nach Erkenntnis der Telefonseelsorge ein Motiv durch fast alle Beziehungsprobleme: sehr hohe Erwartungen der Klienten an sich und an den Partner. Das führe zu einer Überforderung der Beziehung und vielfach zu deren Scheitern. „Die Betroffenen leiden unter einem häufigen Wechsel der Gefühlslage zwischen rosarot und dunkelschwarz“, so Plöger. Ohnehin seelisch labile Menschen würden durch eine solche Dynamik noch unsicherer und ängstlicher, was aber oft durch Aggressivität im Ton überspielt werde.

Eine wichtige Ursache von Beziehungsstörungen sehen die Seelsorgerinnen und Seelsorger in übersteigerten Idealen, die unter anderem durch billige Casting-Shows und Topmodel-Wettbewerbe gefördert werden. „Solchen Idealen kann ja niemand gerecht werden“, versichert Therapeut Plöger. Je höher die von außen vermittelten Ideale seien, desto größer würden die Betroffenen die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit empfinden.

Für viele wird diese Kluft unerträglich. So erkennen die Telefonseelsorgerinnen und -seelsorger immer wieder, dass Anrufer sich hinter einer Scheinwirklichkeit („Ich rufe aus dem Hospiz an“) und dort ihr Problem verbergen. Ein solches Verhalten werde begünstigt durch virtuelle Realitäten im Internet, wo Identitäten mit „Nickname“ in Chats und Foren oder mit Avatar im „Second Life“ Normalität sind.

Im Gespräch versuchen die Telefonseelsorge-Teams herauszufinden, wo das Problem hinter dem vorgegebenen Problem liegt. Zwei Drittel aller Anrufe haben eine menschliche Beziehungsstörung im Hintergrund, heißt es bei den Experten. Und immerhin rufen an jeder der sechs überwiegend ökumenisch getragenen Telefonseelsorgestellen in Württemberg jährlich 30.000 Menschen unter der kostenfreien Nummer 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 an. In Stuttgart, Ulm, Tübingen, Heilbronn und Ravensburg kümmern sich jeweils zwischen 70 und 80 ehrenamtliche Mitarbeiter um die Ratsuchenden. Dafür hat jeder und jede von ihnen mehr als 120 Ausbildungsstunden absolviert und unterzieht sich regelmäßiger Supervision.

„Wir setzen im Gespräch nicht bei den Defiziten, sondern bei den Stärken an“, sagt Plöger. Es gehe darum, die inneren Energieressourcen zu erschließen. Ein Satz zum Anfang des Gesprächs könne etwa lauten: „Sie haben angerufen – das zeigt, dass Sie etwas verändern wollen.“ Die Lösung des Problems liege immer beim Klienten selbst. „Wir wollen den Menschen am anderen Ende der Leitung im Gespräch stärken und wachsen lassen“, so der Ulmer Telefonseelsorge-Chef. Seine Kollegen in den anderen Stellen würden das genau so sagen.