Ein Doppelpunkt als Schlusssignal

„Wir gehen dialogfähiger aus dem Prozess heraus, als wir in ihn hineingegangen sind“, sagte Bischof Gebhard Fürst am Freitag vor Journalisten in Rottenburg, einen Tag vor der mit dem Diözesanrat angesetzten Feier zum Abschluss des Dialogprozesses. Der formale Abschluss bedeute keinen Schlussstrich, sondern einen Doppelpunkt; die teils heftig umstrittenen Themen müssten weiter im Gespräch bleiben.

Bischof Fürst erinnerte daran, dass der Dialogprozess unter dem Leitwort „Glaubwürdig Kirche leben“ nach dem Bekanntwerden von Fällen sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche zustande gekommen war. Die württembergische Diözese habe seitdem die Aufarbeitung etwa durch eine bereits 2002 gegründete Kommission sexueller Missbrauch verstärkt und den Schutz vor möglichen Übergriffen unter anderem durch die Anstellung einer Präventionsbeauftragten ausgebaut. Mit Blick auf die Jugend hob der Bischof die seit 2011 intensivierte Zusammenarbeit hervor. Die von den Jugendverbänden gemachten Empfehlungen seien aufgegriffen und auf einem Jugendforum verhandelt worden. Bis zum Herbst dieses Jahres solle es in allen Dekanaten der Diözese ein Konzept für Jugendpastoral geben. Ebenfalls von pastoralem Interesse geleitet sei das im Zusammenhang mit dem Dialogprozess entstandene „Projekt Gemeinde“, in dem bisher nicht praktizierte Modelle von Gemeindestrukturen und -leitung erprobt werden.

Zu den teils kontrovers diskutierten Themen Frauen in der Kirche, Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und konfessionsverbindenden Ehepaaren unterstrich Bischof Fürst seine Forderung nach mehr Barmherzigkeit. Frauen seien für das Leben der Kirche von fundamentaler Wichtigkeit; Forderungen nach der Weihe von Frauen zu Diakoninnen oder Priesterinnen seien indes vom weltweit geltenden Kirchenrecht ausgeschlossen. Es gelte, so der Bischof, Frauen auf allen anderen möglichen kirchlichen Feldern zu stärken und zu fördern. Er verwies darauf, dass von seinen 16 höchsten Mitarbeitern („weltlich gesprochen Minister“) in der Sitzung des Bischöflichen Ordinariats 4 Frauen seien. Ein Diakonenamt eigener Prägung für Frauen, wie es zuletzt vorgeschlagen wurde, lehnte Bischof Fürst ausdrücklich ab.

Zur Situation wiederverheirateter Geschiedener betonte er, dass sie in ernsthafter Gemeinschaft mit einem neuen Partner und vielleicht sogar mit gemeinsamen Kindern zur Kirche gehören. Eine gültig geschlossene sakramentale Ehe sei nach kirchlichem Recht unauflöslich, unterstrich der Bischof. Er werde sich für einen „sensiblen und differenzierten Umgang mit der individuellen Situation wiederverheiratet Geschiedener“ einsetzen, etwa in der Frage des Kommunionempfangs. Diese Fragen erlaubten keine Sonderwege einzelner Diözesen, sondern müssten gemeinsam von den deutschen Bischöfen behandelt und entschieden werden. Für einen barmherzigeren Weg plädierte Bischof Fürst in der Deutschen Bischofkonferenz. Ebenfalls tat er dies in der Frage nach der Zulassung zu den Sakramenten für konfessionsverbindende Ehepaare. Das formale Ende des Dialogprozesses symbolisiere den Beginn einer Phase konkreter Erneuerung. „Wir werden an Umsetzung und Schärfung der Themen weiterarbeiten“, versprach Bischof Fürst.

Auch der Sprecher des Diözesanrates, Johannes Warmbrunn, verstärkte seine Forderungen nach weiterem Dialog in Offenheit. Die Kirche brauche mehr personale Nähe und lebendigen Austausch. Dies sei nicht möglich in großen geistlichen Zentren, sondern in überschaubaren Gemeinschaften vor Ort. „Sie sind die eigentlichen Seelsorgeeinheiten der Zukunft“, betonte der Diözesanratssprecher. Um die Rolle des Kirchevolkes zu stärken, bedürfe es eines Ausbaus des Ehrenamtes. Dafür habe der Diözesanrat im vergangenen Haushalt eine Million Euro bereitgestellt.

Er teile den Schmerz jener Frauen und Männer, die zum priesterlichen Dienst berufen sind und denen der Weg dazu versperrt bleibe, sagte Warmbrunn. Indes werde es mit Blick auf den Zugang zum Weiheamt in absehbarer Zeit keine Änderungen geben. Umso mehr müsse das Thema Frauen in der Kirche intensiv weiter behandelt werden, im Interesse von Glaubwürdigkeit und Erneuerung. Dies gelte auch für die Themen Pastoral für wiederverheiratete Geschiedene, konfessionsverbindend Verheiratete und für die kirchliche Sexualmoral. Sie müsse neu formuliert werden. „Es geht um ein ganzheitliches Verständnis von Liebe, Solidarität, Verantwortung und Gerechtigkeit.“

Der Dialogprozess habe sich gelohnt, bilanzierte der Diözesanratssprecher auch im Namen des Priesterrates. Immer wieder werde der Diözesanrat die Themen zur Sprache bringen, um sich zu vergewissern, wie es weiter gegangen ist. Dies bedeute eine hohe Verpflichtung mit dem Ziel einer „dialogischen, einer diakonischen und einer sich immer wieder erneuernden Kirche sein, nach innen und nach außen“.

Im Laufe des Dialogprozesses gingen über dessen Koordinierungsgruppe 256 private Briefe, Emails und Faxe ein sowie 334 Dokumente mit etwa 1.150 Seiten, die auf Veranstaltungen oder in Gruppen erarbeitet wurden. Rund 400 Veranstaltungen fanden statt mit mehr als 12.000 Menschen, wie der Leiter der Koordinierungsgruppe, Thomas Fliethmann schätzt. An 80 Veranstaltungen nahm Bischof Fürst persönlich teil und stellte sich der Diskussion. Fliethmann hob hervor, dass im Prozess alle verlangten Themen auf den Tisch kommen sollten, selbst wenn eine rasche Lösung als nicht wahrscheinlich erschien. Auch wenn die Bearbeitung einzelner Themen die Kompetenz der Diözese überschreite, würden sie doch nicht einfach verschwinden. Einerseits, so Fliethmann, führe der Rückgang der gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit des Glaubens auch in der Kirche zu Verunsicherung. Gleichzeitig habe die Beteiligung der Gläubigen am Dialogprozess aber auch gezeigt, wie sehr Menschen in Gemeinden und Verbänden mit der Kirche verbunden sind. „Doppelpunkt, nicht Schlussstrich, die Themen beschäftigen uns weiter.“

Uwe Renz