„Ein Gotteszeichen, dass Versöhnung möglich ist“

1941 war die Glocke ebenso wie weit über 100.000 andere Glocken von den Nationalsozialisten vom Kirchturm im damaligen Landsberg geholt und zum so genannten Glockenfriedhof nach Hamburg gebracht worden. Sie hatte den Krieg überlebt und läutete seit 1953 dreimal am Tag vom Turm des Rottenburger Doms zum Angelus-Gebet. Bischof Gebhard Fürst hat sie jetzt gemeinsam mit einer kleinen Delegation aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart, darunter der Rottenburger Dompfarrer Harald Kiebler, nach Schlesien zurückgebracht. In doppelter Weise war dies mit einem Jubiläum verbunden: Auf den 2. Februar 1711 ist der Guss der Glocke datiert, genau 300 Jahre alt ist sie also bei ihrer Heimkehr geworden. Auch sein 750-jähriges Stadtjubiläum feiert Gorzów/Landsberg in diesem Jahr. Unmittelbar an der einstigen Grenze zwischen Schlesien und Polen gelegen, war es immer ein Ort grenzüberschreitender Begegnung gewesen.

So war die aus dem Jahr 1895 stammende neugotische Pfarrkirche bis auf den letzten Platz gefüllt, als die Glocke am Sonntag, 10. April, in einem feierlichen Gottesdienst wieder in ihrer ursprünglichen Pfarrei in Empfang genommen wurde. Jan Kopiec, Weihbischof der Diözese Oppeln, feierte ihn gemeinsam mit Bischof Gebhard Fürst, Dompfarrer Harald Kiebler, dem Gorzówer Gemeindepfarrer Józef Dziuk und anderen Geistlichen aus der Region. Als Hauptgegenstand eines „Vertrags der Herzen zwischen Rottenburg und Landsberg“ würdigte Weihbischof Kopiec die Glocke und ihre Rückkehr nach Schlesien. Bischof Gebhard Fürst wies darauf hin, dass die Glocke fast 60 Jahre lang selbstverständlicher Bestandteil der Bischofsstadt Rottenburg gewesen sei. Ihre Rückgabe sei ein Symbol dafür, dass Christen aus einem Geist lebten, der ihnen den Mut gebe, Gewohntes zu durchbrechen. Zugleich sei die Übergabe auch Zeichen einer lebendigen Beziehung zwischen den Menschen Deutschlands und Polens.

Als Ausdruck der Versöhnung wurde die Feier der Glockenübergabe auch von Vertretern der Stadt Gorzów und der dortigen deutschen Minderheit gewürdigt. Bürgermeister Artur Tomala überreichte den Rottenburger Gästen eine Dankesurkunde, die er am Vorabend im Rahmen eines Begrüßungsgottesdienstes verlas. Und drei junge Deutsche, zwei junge Frauen und ein junger Mann, brachten in einer gemeinsamen Ansprache ihre Hoffnung auf ein künftiges Europa zum Ausdruck, das durch Demokratie, Friedensbereitschaft und ein versöhntes Miteinander geprägt sei. Zwei von ihnen, ein Geschwisterpaar, erzählten, sie seien im Kreis Tübingen aufgewachsen und jetzt mit ihren Eltern wieder in deren schlesische Heimat zurückgekehrt.

Die Grüße der baden-württembergische Landesregierung überbrachte deren Beauftragter für Osteuropa, der ehemalige Vaihinger Oberbürgermeister Heinz Kälberer. Nach der durch das „furchtbare Regime“ des Nationalsozialismus geprägten Geschichte Europas zwischen 1933 und 1945 und dem anschließenden schwierigen Verhältnis zwischen den Deutschen und ihren Nachbarländern gebe es heute trotz mancher Kritik allen Grund zur Dankbarkeit für das neue Europa. Die Politik könne allerdings nur die Rahmenbedingungen schaffen, betonte Kälberer. Gelebt werden müsse dieses neue Europa durch die Menschen und durch menschliche Begegnungen. Er warb dafür, die Feier der Glockenrückführung zum Anlass zu nehmen, um einen Jugendaustausch zwischen Rottenburg und dem schlesischen Gorzów zu starten.