Gedenken

Ein Gottsucher für unsere Zeit

Beethoven, Ludwig van Beethoven, German composer and pianist.

"Mit Gottes Hilfe" - "Mensch, hilf dir selbst!" - Die Spannungen in der Religiosität Ludwig van Beethovens - hier ein Ausschnitt eines Gemäldes - bieten auch für suchende Menschen heute Anknüpfungspunkte. Foto: GL Archive / Alamy Stock Photo

Ludwig van Beethoven - einer der wichtigsten Botschafter der europäischen Kultur, aber mit Glauben nichts am Hut? Spurensuche zum 250. Geburtstag.

Nun sag, Ludwig, wie hast du’s mit der Religion? Ein Teil der Musikwissenschaftler und Biographen finden bei Ludwig van Beethoven nur wenig Glauben oder nur eine abstrakte, fast schon agnostische Religiosität. Oder sie lassen sein - vergleichsweise kleines - dezidiert geistliches Werk eher am Rande stehen. Aber wird man dem wohl meistgespielten klassischen Komponisten der Welt, dessen Werke zum kulturellen Erbe der Menschheit zählen, damit gerecht?

„Wenn wir mit einem engen, dogmatisierenden und festgezurrten Glaubensverständnis an Beethoven herantreten, werden wir wenig Glauben bei ihm finden“, sagt der Theologe Dr. Wolfgang Steffel, der sich mit Beethovens Religiosität seit vielen Jahren eingehend beschäftigt, und verweist auf einige Bemerkungen, die eine Distanz zu Glaube und Kirche nahelegen. Als etwa der böhmische Pianist und Komponist Ignaz Moscheles einen Klavierauszug der Oper Fidelio erstellte und am Ende handschriftlich vermerkte „Beendet mit Gottes Hilfe“, schrieb der Meister kurzerhand darunter: „O Mensch, hilf dir selber!“ Oder als Beethoven in sein Konversationsheft schrieb: „Ich sehe aber nicht ein, warum Jesus sich für Gott ausgab“, rügte ihn sein Neffe Karl mit einem vermeintlichen Bibelzitat: „Ich bin Gottes Sohn; wer nicht an mich glaubt, der glaubt auch nicht an meinen Vater“.

Gottessehnsucht und Glaubenskrise

Zweifellos gebe es Spannungen in der Religiosität des großen Meisters, sagt Steffel, auch mit Blick auf Beethovens Lebensschicksal, seine familiäre Situation und das aufklärerische Gedankengut und ausgesprochen liberale Klima in seinem geistigen Umfeld, dem Hof des Kurfürsten Maximilian. Mündigkeitsstreben und Wunsch nach Geborgenheit, Gottessehnsucht und Glaubenskrise, Leidwiderfahrnis und Sinnsuche seien die Pole dieser Spannungen im Leben Beethovens. „Aber wenn wir Beethoven in einem weiten Glaubenshorizont hören, werden wir leicht fündig“, so Steffel, der in dem Meister einen redlichen Gottsucher sieht, „dem es um eine persönliche Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben, mit Philosophie und Weisheitslehren jenseits von festgefahrenem Dogmatismus ging“. Und als solcher könne er heutige Menschen in den je eigenen Glaubenszweifeln und Suchbewegungen – und gerade jetzt – stark inspirieren.

In einigen Thesen hat Steffel formuliert, wie sich Beethovens religiöse Seite fruchtbar erschließen lässt und warum es sich lohnt, seine Gottsuche in seiner Musik zu meditieren. Ein Baustein dieses Weges ist die „Missa Solemnis“. Diese Messe stand bereits im Mittelpunkt der letzten Präsenz-Veranstaltung des Dekanats Ehingen-Ulm vor dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 im Rahmen des „Credo-Musik-Projekts“; nun lieferte sie weitere interessante Einblicke in Beethovens Spiritualität bei der ersten Online-Veranstaltung des Dekanats nach Beginn des zweiten (harten) Lockdown, am Vorabend von Beethovens 250. Geburtstag.

Vom Credo herausgefordert

„In einer Messe den Schöpfer preisen“, so eine dieser Thesen, „das tut in der Missa Solemnis ein Komponist, der sich selbst gewissermaßen als ‚creator ex nihilo‘  erfährt und begreift, weil er im Innern eine Welt schuf, die ihm ob seiner Taubheit gestorben, genichtet war. Er schafft aus dem Nichts, des Nichts-mehr-Hörens, nicht aber aus dem Nichts des Niemals-gehört-Habens, denn in ihm ist wohl ein riesiger Tonschatz, auch Bachscher Prägung. Beethoven schuf indes schon als Noch-Hörender gewissermaßen aus dem Nichts. Jetzt mag er den Vogel nicht mehr hören und es gibt ihn für ihn nicht, da Sein immer Wahrgenommensein ist, aber dennoch baut er im Incarnatus ein wunderbares Naturidyll auf, das mehr an das erste Staunen eines Kindes als an einen Verzweifelten und schwer angefochtenen Genius erinnert.“

Beethoven lasse sich vom Text des Glaubensbekenntnisses herausfordern, erklärt Steffel, „schreitet ihn gewissermaßen ab“ und nehme ihn möglicherweise ernster als andere dies tun. Sein Credo zeuge von der Gefahr des Scheiterns, die der Einsamkeit innewohnt. Eine Musik, die irgendwie nicht recht zum Text passen mag und deren harmonisches Ziel ungewiss erscheint, stehe für das Hadern des Menschen mit Gott und davon, dass Glaube niemals definitiv ist. „In dieser Spannung leben wir“, sagt Steffel. Und doch entfalte Beethoven „den österlichen Lebensraum ohne jeden Zweifel an das ewige Leben, unbeirrt und scheinbar unbegrenzt in einer gigantischen Fuge“.

Leben und Glauben nicht trennen

Steffel erinnert auch an eine Begebenheit, als Beethoven mit zwölf Jahren – damals schon ständiger Vertreter des Hoforganisten in Bonn – es gewagt haben soll, „den kompletten Chor samt Orchester mit einer überlangen Improvisation zur Einleitung des Credos aufzuhalten. Frühe Form der Reflexion des Glaubens, denn wie sollte man sonst improvisieren?“, so der Theologe.

Er ist davon überzeugt, dass sich bei einer Deutung von Beethovens Religiosität das Leben vom Glauben oder der Glauben vom Leben nicht trennen lasse. „Seine Konzertprogramme bieten bisweilen Glaubens-Lebens-Wege mit einem (latenten) Programm von Bewusstseinsentwicklung und Heldenlauf, wobei diese beiden Aspekte im Leben Beethovens selbst aufeinander bezogen und bei ihm in Beziehung zu Themen des Glaubens, zu Jesus als ‚Muster‘ und zum Vater als von Beethoven (ab etwa 1812 beobachtbar) bevorzugter göttlicher Person stehen.“ Weil Menschen heute vielfach dazu neigen, „Leben und Glauben säuberlich zu trennen und weil sie nicht der Beethovenschen Beziehungsdynamik beider Welten fähig sind“, falle das Verständnis seines genuin geistlichen Schaffens bisweilen schwer, so Steffel.

Eine Signatur unserer Zeit?

Glaube sei für Beethoven nicht in erster Linie Geschenk von außen, sondern müsse gleichsam in sich selbst erschaffen und erkämpft werden. „Ist dieser innere Glaubenskampf, der ‚Kampf‘ mit dem Glauben, nicht eine Signatur unserer Zeit?“ fragt Steffel in einer weiteren These. „Und ist uns Beethoven in seiner Musik nicht umso mehr nötig, als im Glauben pastoral und katechetisch die kämpferischen Elemente zurückgehalten werden und die Erholung und Wellness im Glauben die Verkaufsstrategie dominieren?“ – Spannende Fragen, die anlässlich des 250. Geburtstags des Meisters am 17. Dezember, aber mehr noch in Anbetracht der Corona-Zeit vielleicht (neue) Sehnsucht nach Gott und der Gemeinschaft im Glauben in Schwingung bringen können.

INFO

Die Thesen des Online-Vortrags zu Ludwig van Beethovens Religiosität am 16. Dezember 2020 können bei der Geschäftsstelle des Dekanats Ehingen-Ulm angefordert werden.

E-Mail: dekanat.eu(at)drs.de