Ein neuer Geist für Europa und die Kirche

Nach einem feierlichen Gottesdienst in der Konkathedrale St. Eberhard erläuterte er den geladenen Gästen die Fortschritte im Dialog- und Erneuerungsprozess der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Außerdem ging er auf die Krisen in der Europäischen Union ein. Er unterstrich, der christliche Glaube könne Orientierung geben. Diözesanratssprecher Johannes Warmbrunn überbrachte dem Bischof die Neujahrswünsche der Katholiken in Württemberg und mahnte eine Entwicklung zu einer einladenden Kirche an.

Dialogprozess

In seiner Neujahrsrede berichtete Bischof Gebhard Fürst, er habe die Ankündigung eines für alle Themen offenen Dialogprozesses in der Diözese Rottenburg-Stuttgart eingelöst und sein Versprechen, die Frage der Wiederverheirateten Geschiedenen und die Frage der Stellung der Frau in der Kirche in die Bischofskonferenz einzubringen, gehalten. Der Bischof zeigte sich zufrieden damit, dass der Dialogprozess „zu einem Dialog an der Basis der Diözese“ geworden sei. Nach einer Phase des Hörens habe jetzt die Phase der Erneuerungen begonnen. Es habe sich gezeigt, dass viele Fragen „nicht mit einem Federstrich oder einem einfachen Entscheid des Bischofs zu lösen“ seien. Zwischen Februar und Mai werden in vier Regionalforen die Themen des Dialogprozesses vertieft, bereits auf den Weg gebrachte Neuerungen vorgestellt und weiterführende Optionen beleuchtet. Mit der Diözesanratssitzung am 22. Juni kommt der Dialogprozess planmäßig zu seinem formellen Abschluss. Dieser Schlusspunkt sei jedoch als „Doppelpunkt“ zu verstehen, denn die Umsetzungen reichten über diesen Zeitpunkt hinaus und der Dialog bleibe fester Bestandteil der Kultur der Diözese, erklärte der Bischof. Angesichts zurückgehender Priesterzahlen, einer zunehmenden Belastung der pastoralen Mitarbeiter und der Fragen nach Gottesdienstversorgung, Leitung und Strukturen der Gemeinden suche die Diözese in einem „Projekt Gemeinde“ konkrete Lösungen. „An die Stelle lähmender Sorge um das eigene Überleben soll die Aufmerksamkeit für das treten, was die Menschen am Ort suchen und brauchen“, erklärte Bischof Fürst. Eine verordnete Strukturreform allein „von oben“ werde es nicht geben. Das Projekt setze auf Beratungen vor Ort und auf die Orientierung an gelungenen Praxisbeispielen, die es an vielen Orten gebe. Die Vereinfachung der Organisation von Seelsorgeeinheiten, das Gottesdienstangebot, aber auch die Bewertung und Klärung der Perspektiven von kirchlichen Immobilien seien in den Blick zu nehmen. Unter dem Stichwort „kooperative Leitung von Kirchengemeinden und Seelsorgeeinheiten“ sollen die Laien stärker in die Leitung der Gemeinden mit einbezogen werden. Großen Wert legt Bischof Gebhard Fürst auf eine stärkere Einbindung von Frauen in Führungspositionen. Dazu hat im Herbst eine Arbeitsgruppe der Frauenkommission der Diözese Vorschläge zur Frauenförderung in der kirchlichen Verwaltung erarbeitet. Im Bereich der Diözesanleitung sind derzeit ein Viertel der Mitglieder der Sitzung des Bischöflichen Ordinariats Frauen. In den Kirchengemeinden tragen Pastoral- und Gemeindereferentinnen für bestimmte Seelsorgebereiche Verantwortung; manche sind als Ansprechperson für eine Kirchengemeinde eingesetzt. Ehrenamtlich sind Frauen in unterschiedlichsten kirchlichen Bereichen leitend tätig, etwa in den Kirchengemeinderäten oder in der Leitung von Wort-Gottes-Feiern.

Jahr des Glaubens / Geistliche Erneuerung

Diese Erneuerungsschritte müssten durch eine innere Erneuerung vervollständigt werden, sagte der Bischof. Das von Papst Benedikt XVI. ausgerufene Jahr des Glaubens sei ein hilfreicher Impuls. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart steht es unter dem Titel „Von Glaubenszeugen Glauben lernen“. Bischof Gebhard Fürst erläuterte: „Ich bin überzeugt, dass wir den Weg des Glaubens heute besonders durch die Begegnung mit Zeugen des Glaubens wieder neu entdecken und vertiefen können.“ Schon Papst Paul VI. habe erkannt, dass der heutige Mensch lieber auf Zeugen als auf Lehrer höre. Deshalb sind in diesem Jahr verschiedene Veranstaltungen zu den historischen Glaubenszeugen der Diözese geplant, wie dem in Stuttgart gebürtigen seligen Pater Rupert Mayer, dem Rottenburger Bekennerbischof Johannes Baptista Sproll und dem von den Nationalsozialisten hingerichtete württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz aus Rottenburg, sowie zu dem besonders im Raum Ellwangen als Volksmissionar verehrten Philipp Jenningen. Auch das neu restaurierte Gemälde von Matthias Grünewald „Stuppacher Madonna“ sei ein sprechendes Glaubenszeugnis, das die Menschen im Innern berühren könne.

Als „Leitfigur der diözesanen Pastoral“ bezeichnete Bischof Fürst den heiligen Martin von Tours (316/317 – 397 n. Chr.). Durch seine Bekehrung vom Heiden zum Christen und seinen Weg vom Soldaten zum Bischof für die Armen sei er das herausragende Beispiel eines im Geiste Jesu Christi erneuerten Menschen. Deshalb führt die Diözesanwallfahrt im Frühjahr 2013 ins ungarische Szombathely, den Geburtsort des Heiligen. Auch in der Diözese Rottenburg-Stuttgart kann man dem Heiligen auf dem seit 2011 ausgeschilderten und 1.200 km langen Martinusweg, einem Teil des europäischen Kulturwegs „via sancti Martini“ nachgehen und die 80 katholischen und 30 evangelischen Martinskirchen der Diözese besuchen. Der Bischof wünschte sich, dass so „viele Menschen ‚den Weg des Glaubens wiederentdecken, und die Freude und erneute Begeisterung für die Begegnung mit Christus wächst“.

Europa

Gleichzeitig erinnerte Bischof Gebhard Fürst an die symbolische Bedeutung des Heiligen Martin von Tours für Europa: „Martin von Tour hat Europa in seinem Entstehen eine Seele gegeben. Er steht für die soziale Dimension der Gesellschaften Europas.“ Mit der Verleihung des Friedensnobelpreises für die Europäische Union im Dezember 2012 sei eines der größten Friedensprojekte der Geschichte gewürdigt worden. Der Preis sei aber gleichzeitig ein Auftrag für die Zukunft. Der Bischof mahnte, Europa angesichts der Wirtschaftskrisen nicht nur fiskalisch zu denken: „Die Rettungsschirme werden nicht ausreichen, Frieden und Versöhnung und Demokratie, soziale Gerechtigkeit, Menschenwürde und Menschenrechte auch für die Zukunft zu retten, wenn nicht eine neue Inspiration die Europäer ergreift. Die Turbulenzen der europäischen Gesellschaften werden nur aufhören, wenn die EU von innen und die europäischen Menschen und Politiker selbst mit einem neuen Geist erfüllt werden.“ Die Gestalt und das Werk des heiligen Martin könne eine Inspiration sein, die Europa heute wieder besonders brauche. Der Bischof erinnerte daran, dass der französische Staatspräsident Charles de Gaulle und der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer 1962 in Reims mit einer Festmesse die deutsch-französische Aussöhnung besiegelten und damit auch den Grundstein für den Elysée-Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit legten, dessen Unterzeichnung sich am 22. Januar 2013 zum 50. Mal jährt. De Gaulle und Adenauer hätten dabei „auf die Kraft der Versöhnung aus dem christlichen Glauben gesetzt.“ Auch heute müsse sich Europa auf die Orientierungskraft des Glaubens besinnen, um den Weg der sozialen Gemeinschaft weiter gehen zu können. „Die Religion des Christentums ist die Alternative zum Untergangs-Ängsten und -Gefühlen“, betonte Bischof Fürst.

Grußwort des Diözesanratssprechers

Traditionell überbrachte Diözesanratssprecher Johannes Warmbrunn dem Bischof die Neujahrsglückwünsche der Mitglieder der Diözese Rottenburg-Stuttgart. In seinem Grußwort erklärte er, der Dialogprozess zeige, dass die Katholiken in der Diözese bereit seien, „gemeinsam für unsere Kirche Verantwortung zu übernehmen“. Diese Bereitschaft stoße jedoch an eine Grenze, wo geltende Rechtspositionen der Kirche von kirchlich Engagierten „nicht verstanden und akzeptiert werden“. Kaum wahrgenommene, aber umso mehr beachtenswerte Ausgrenzungsvorgänge bezeichnete Warmbrunn als eine bedeutsame Erklärung, warum der Glaube an Gott immer weniger in den Kirchen und Glaubensgemeinschaften gesucht werde. „Die Glaubwürdigkeit der Religionen und Weltanschauungen wird elementar daran gemessen, ob Einbindung in Gemeinschaften ohne Vorbehalte gelingt. Und so werden zu Recht die Gesetze, nach denen wir unsere Gemeinschaften bilden, daran gemessen, ob sie einladen oder ausgrenzen.“ Als Beispiel nannte der Diözesanratssprecher die Stellung der Frauen in der Kirche. Die im gesellschaftlichen Umfeld realisierte Gleichstellung von Mann und Frau werde als elementarer Fortschritt erlebt, der auch von der Kirche erwartet werde. „Viele Frauen und Männer, deren Kompetenz und Engagement für uns von großer Bedeutung sein könnte, wenden sich von unserer Kirche ab“, bedauerte Johannes Warmbrunn. Deshalb liege ihm viel daran, „in der Erneuerung unserer Kirche einen guten Weg zu finden, der uns wieder darin voranbringt, den zwischenmenschlichen Beziehungen einen ganz besonderen Stell

Cäcilia Branz