Ein offenes Ohr für Menschen in Krisen

Die Anlaufstelle für Menschen in Krisensituationen mit Sitz in Stuttgart feiert heute mit einem Gottesdienst mit Bischof Gebhard Fürst in St. Eberhard und einem Festakt im Haus der Katholischen Kirche ihr 50-jähriges Jubiläum.

840.000 mal klingelte das Telefon der Telefonseelsorge, 38.000 Menschen haben die Beratungsstelle in der Stuttgarter Hospitalstraße in Anspruch genommen, seit 1962 „Ruf und Rat“ von der Diözese Rottenburg-Stuttgart als erstes niederschwelliges Beratungsangebot eingerichtet wurde. Aktuell kommen jeden Tag durchschnittlich 25 Menschen in die Beratungsstelle, 81 Anrufe gehen bei der Telefonseelsorge ein. In der Zeit um die Weihnachtsfeiertage und zum Jahreswechsel ist nach der Erfahrung des Leiters der Einrichtung, Pfarrer Thomas Krieg, die Nachfrage besonders hoch. „Ruf und Rat leistet seit 50 Jahren einen existentiellen Dienst an der Gesellschaft“, sagte die zuständige Ordinariatsrätin Irme Stetter-Karp in ihrer Jubiläumsfestrede. Die Einrichtung stabilisere Menschen, die ins Straucheln geraten seien und helfe ihnen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Nicht zuletzt die übersteigerten Ideale, die Casting-Shows und Topmodel-Wettbewerbe förderten, und das Abdriften in virtuelle Welten gefährde das Selbstwertgefühl von Menschen. Stetter-Karp nahm das Jubiläum der Beratungseinrichtung zum Anlass, eine Erwartung an die Politik zu adressieren: „Gerade jetzt am Ende dieses Jahres 2012, wo der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung belegt, dass sich die Armut in Deutschland seit 1999 mehr als verdoppelt hat und aktuell bei 7, 9 Prozent liegt, sind politisch nachhaltige Lösungen auf allen politischen Ebenen für Armutsprävention dringend und unaufschiebbar.“ Dazu gehöre grundlegend, die Bildungschancen von benachteiligten Kindern und Jugendlichen wirksam zu verbessern.

Das Jubiläum von Ruf und Rat hat nach Aussage von Irme Stetter-Karp auch für die Kirche selbst Bedeutung. Die Arbeit für Menschen in Krisensituationen habe mit der Glaubwürdigkeit der Kirche zu tun. „Die Veranstaltungen zum Dialogprozess der Diözese haben gezeigt: Die sogenannte Basis in der katholischen Kirche wünscht sich vor allem im Blick auf Menschen, in deren Biografie Scheitern eine Rolle spielt, eine barmherzige Kirche“, so die Ordinariatsrätin. Sie lobte „Ruf und Rat“ für seine vorbildliche Zusammenarbeit von derzeit zehn Haupt- und 55 Ehrenamtlichen. „Mehr als 30 Jahre bevor die Qualitätsmanagement-Systeme in der Sozialen Arbeit verankert waren, war bei Ruf und Rat Supervision und qualifizierte Fortbildung für Ehrenamtliche Qualitätsstandard.“ Die Einrichtung zeige beispielhaft, „welchen Schatz beide Seiten haben, wenn Ehrenamtliche ihre Zeit und Aufmerksamkeit Menschen in Not geben und gleichzeitig die Kirchen ihnen eine sinnerfüllende Tätigkeit und gute Qualifizierung dafür zurückgeben.“