Ein Teil des Lohns für Arbeitslose

Bischof Gebhard Fürst und Ministerpräsident Winfried Kretschmann und die Arbeitsmarktexpertin Eva Strobel unterstrichen bei einem Festakt am Sonntag in St. Georg in Stuttgart die Aktualität der Solidaritätsaktion, mit der jedes Jahr bis zu 20 Qualifizierungs-, Vermittlungs- und Beschäftigungsmaßnahmen mit insgesamt fast einer halben Million Euro bezuschusst werden.

Bischof Gebhard Fürst und Ministerpräsident Winfried Kretschmann teilten beim Festakt in Stuttgart die Einschätzung, dass die Aktion Martinusmantel trotz einer verbesserten Arbeitsmarktlage nichts an Aktualität verloren habe. „Heute gilt unsere christliche Solidarität jenen, die sich trotz des sich abzeichnenden Fachkräftemangels schwer tun, Erwerbsarbeit zu finden“, erklärte Bischof Fürst. Die Langzeitarbeitslosigkeit verfestige sich, und es seien weit mehr Menschen arbeitslos, als die Statistik es widerspiegele. Wer etwa an einer Qualifizierungsmaßnahme oder am Bundesfreiwilligendienst teilnehme, werde statistisch nicht erfasst. Fürst forderte einen staatlich geförderten „Sozialen Arbeitsmarkt“, der allen die Chance auf eine dauerhafte Teilhabe am Arbeitsleben biete. Er betonte, kirchliche Solidarität könne „niemals staatliche Hilfen ersetzen“. Das Anfang des Jahres beschlossene Konzept der Landesregierung ‚Gute und sichere Arbeit’ lobte er als „ermutigenden Schritt“ angesichts einer gegenläufigen Arbeitsmarkt- und Instrumentenreform des Bundes. Dass der Bund seine Aktivierungshilfen zurückfahre, habe „die Situation der von der Aktion Martinusmantel geförderten Projektträger teilweise auf dramatische Weise verändert“.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann bestätigte, die Landesregierung sei sich ihrer Verantwortung bewusst und investiere mit dem Konzept ‚Gute und sichere Arbeit‘ in die Qualifizierung und nachhaltige Begleitung arbeitsloser oder von Arbeitslosigkeit bedrohter Menschen. „Wir wollen nicht ruhen, den auf dem Arbeitsmarkt benachteiligten Menschen eine Chance auf Selbstverwirklichung und gesellschaftliche Teilhabe zu geben“, so der Ministerpräsident. Die Aktion Martinusmantel setze auch 25 Jahre nach ihrer Gründung das klare Signal, dass Arbeitslosigkeit kein unabwendbares Schicksal und kein selbstverschuldetes Los sei, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung, die alle angehe. „Jedes einzelne Projekt, das durch die Aktion gefördert wurde, ist der sichtbare Beweis, dass es gelingen kann, den Teufelskreis von fehlender oder geringer Qualifikation, langer Arbeitslosigkeit und sozialer und gesellschaftlicher Ausgrenzung zu durchbrechen“, betonte Kretschmann.

Die Vorsitzende der Geschäftsführung der Regionaldirektion Baden Württemberg der Bundesagentur für Arbeit Eva Strobel betonte, Hemmnisse wie gesundheitliche Einschränkungen, geringe Qualifikation oder fehlende Kinderbetreuung könnten Arbeitsagenturen und Jobcenter nicht allein abbauen. „Sie sind auf Partner und Institutionen mit spezieller Expertise angewiesen, um Menschen Perspektiven auf ein selbstbestimmtes Leben aufzuzeigen. Ein wichtiger Partner sind die Kirchen und solche Aktionen wie der Martinusmantel“, so Strobel. Im Sinne der katholischen Soziallehre müsse man in manchen Fällen akzeptieren, „dass sich Menschen für Lebensentwürfe entscheiden, die nicht dem ökonomischen Kalkül unterliegen.“

Bischof Gebhard Fürst und Ministerpräsident Winfried Kretschmann dankten allen, die die Aktion Martinusmantel mittragen. Der Bischof versicherte, die Spenden kämen in vollem Umfang den Arbeit Suchenden zugute. Verwaltung und Werbung werden aus dem Diözesanhaushalt finanziert. Da die Aktion Martinusmantel nur die Eigenmittel unterfüttert, die Projekte brauchen, um öffentliche Gelder seitens der Jobcenter, Arbeitsagenturen oder des Europäischen Sozialfonds zu erhalten, entfalten die Spenden eine sechs- bis zehnfache Hebelwirkung. Außerdem werden die Fördermittel grundsätzlich in Raten ausbezahlt, abhängig von der vollständigen Dokumentation der Verwendung der Spendengelder seitens der Projekte.

Angesichts wachsender Arbeitslosigkeit auch bei Jugendlichen rief vor 25 Jahren der damalige Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Georg Moser, die Bischöfliche Aktion Martinusmantel ins Leben. Sie startete mit drei Initiativen für benachteiligte Jugendliche in Heidenheim, Heilbronn und Ravensburg. Bereits 1983 hatte Moser einen Solidaritätsfonds für Arbeitslose eingerichtet. Auf der Basis eines teilweisen Gehaltsverzichts vor allem der Priester realisierte damals die Diözese Arbeitsplätze und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Im Jahr 2000 wurden der Solidaritätsfonds und die Aktion Martinusmantel zusammengeführt. Bis heute teilen mehr als 1.000 kirchliche Mitarbeiter und Spender im Sinne des heiligen Martin ihren Lohn oder ihre Rente, um benachteiligte Jugendliche, gering Qualifizierte und Langzeitarbeitslose bei der Arbeitssuche zu unterstützen. In den 25 Jahren ließen sich rund 7.500 Menschen durch Qualifizierung und Arbeitsmaßnahmen fördern. Rund ein Fünftel fand eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle am ersten Arbeitsmarkt. Mehrere tausend weitere Arbeit Suchende nahmen Beratungsangebote wahr.

Cäcilia Branz