Einheit in versöhnter Verschiedenheit

Die Oberesslinger katholische Kirchengemeinde St. Albertus Magnus hatte in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Bildungswerk Kreis Esslingen zu der Veranstaltung mit dem Titel „Ökumene lebt vom langen Atem aller Beteiligten“ eingeladen. Anlass war die so genannte „Responsa“ aus Rom zur Frage der Anerkennung der nichtkatholischen Kirchen vom 29. Juni 2007. Zum ersten Mal seit Veröffentlichung dieses vatikanischen Dokuments fand auf der Leitungsebene von Diözese und Landeskirche ein solches Gespräch statt.

„Wie lange reicht der Atem in Sachen Ökumene?“, fragte der katholische Gemeindepfarrer Hans Nagel seine Gäste. Grundsätzlich, so der katholische Ökumene-Experte Bour, bewerte er das römische Dokument als einen Versuch, die Interpretation der Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils restriktiv zu beeinflussen. Das Zweite Vatikanische Konzil habe mit der Konstitution „Lumen Gentium“ die katholische Kirche „ökumenefähig“ gemacht, sagte Bour. Das Konzil habe zwar betont, die Kirche Jesu Christi sei in der katholischen Kirche verwirklicht, habe aber auch für die nichtkatholischen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften „Elemente der Wahrheit und der Heiligung“ ausdrücklich betont. Dass „die Kirche Jesu Christi“ auch nach dem jüngsten vatikanischen Dokument in den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften außerhalb der katholischen Kirche „gegenwärtig und wirksam“ sei, sei für den ökumenischen Dialog eine zentrale Aussage, sagte Bour. Dass im weiteren Text der römischen „Responsa“ den evangelischen Kirchen abgesprochen werde, „Kirchen im eigentlichen Sinn“ zu sein, wiederhole zwar die Aussage des vatikanischen Schreibens „Dominus Jesus“ aus dem Jahr 2000, komme aber weder in den Konzilstexten noch in anderen wichtigen nachkonziliaren Dokumenten vor. Bour äußerte Verständnis dafür, dass diese Aussage „eine antikatholische und antiökumenische Stimmung“ erzeuge.

Das „freundschaftliche Gespräch“ der Kirchen in Württemberg wollte Bours evangelischer Kollege Heiner Küenzlen durch das Dokument aus Rom nicht in Frage gestellt sehen. „Wir sind Freunde“, betonte er, und dies sei mehr „als nur gute Nachbarschaft“. Er schwanke aber zwischen der Haltung, dem römischen Papier dürfe man nicht zu viel Ehre erweisen, und der Enttäuschung. Dies um so mehr, als die römische „Responsa“ ohne Anlass die Formulierung aus „Dominus Jesus“ aus dem Jahr 2000 wiederhole. Dem Vorwurf der „Blauäugigkeit“ der Ökumene-Gegner in beiden Kirchen werde damit ohne Not in die Hände gespielt. Dennoch lasse er sich nicht abbringen von dem Ziel der Ökumene, „gemeinsam das Zeugnis des Glaubens und des tatkräftigen Dienstes zu geben“, sagte Küenzlen.

Das Gute an diesem Diskussionsprozess, so Bour, sei es, dass auf ungelöste Probleme des unterschiedlichen Kirchenverständnisses aufmerksam gemacht werde. Kirche ereigne sich nicht nur, wie im evangelischen Verständnis, im Vollzug der Verkündigung und in der Spendung der Sakramente. Auch die sichtbare Gestalt der Institution Kirche gehöre wesentlich dazu. Er verstehe die Irritation der evangelischen Seite, aber es schmerze ihn auch, wenn das Kirchenpapier der EKD aus dem Jahr 2001 auf ein nicht vereinbares Kirchenverständnis hinweise und zentrale Elemente der katholischen Lehre als „evangeliumswidrig“ bezeichne. Küenzlen verwies dagegen darauf, dass es den Reformatoren immer um die Einheit der Kirche gegangen sei. „Wir bekennen“, betonte er, „aller miteinander dasselbe Glaubensbekenntnis“. Er beklagte, es schimmere in den jüngsten vatikanischen Positionen „kein bisschen an Demut durch“. „Für Menschen, die ökumenisch miteinander unterwegs sind, tut es weh“, so Küenzlen, „wenn eine 50-jährige Annäherungsgeschichte ignoriert und bestritten wird“.

Beide Referenten stimmten den Diskussionsteilnehmern an diesem Abend zu, dass die Ökumene im Miteinander der Christen und der Gemeinden derzeit den kirchenoffiziellen Positionen weit voraus sei. Dass so genannte „einfache Gläubige“ die differenzierten theologischen Diskussionen und Positionen nicht nachvollziehen können, räumten sie ein. Sie äußerten aber gemeinsam die Befürchtung, dass eine Nivellierung der jeweiligen konfessionellen Besonderheiten zu einer „konfessionellen Bewusstlosigkeit und am Ende zu einer christlichen Bewusstlosigkeit“, so Bour, führen könnte.

Einig waren sich Bour und Küenzlen darin: Es muss weiter gehen mit der Ökumene. Erforderlich sei an Stelle einer „Ökumene der Profile und der Abgrenzung“ eine „Ökumene der Bekehrung“. Das bedeute auf evangelischer Seite, antikatholische Ängste und Ressentiments abzubauen, auf katholischer Seite – so Bour – auf „Selbstgenügsamkeit“ (Charta Oecumenica) zu verzichten. Die katholische Kirche ebenso wie die Kirchen der Reformation müssten ihre jeweiligen Defizite selbstkritisch bearbeiten und ihre Reichtümer teilen. Es gehe nicht darum, „die anderen Kirchen über den Tisch zu ziehen, sondern um den Austausch von Gaben, um gegenseitige Bereicherung, um Geben und Nehmen“. „Davon“, so Prälat Bour, „wird niemand ärmer, sondern alle reicher“.

Die „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ unter vollständiger gegenseitiger Anerkennung, in diesem Ziel waren sich Bour und Küenzlen einig. Dafür bedürfe es größter Anstrengung. Bereits jetzt gebe es eine bestens funktionierende „Ökumene des täglichen Lebens und Handelns“ sowie einen intensiven theologischen Dialog. Von entscheidender Bedeutung, so Bour, sei eine ökumenische Spiritualität, „die uns geistlich und demütig werden lässt“. Sie sei „die Seele der Ökumene“. Ohne diese spirituelle Dimension werde die Ökumene entweder zum Aktionismus oder zum „Glasperlenspiel von Professoren“. Nicht vergessen werden dürfe die Ökumene mit der Orthodoxie, mit den christlichen Kirchen des Ostens.

Die Mehrheit der Christen in Deutschland wolle in Sachen Ökumene, „dass wir noch viel mehr machen“, sagte Oberkirchenrat Küenzlen. „Miteinander zwei legitime Formen der einen Kirche Jesu Christi bilden“, so formulierte Prälat Hubert Bour seine Vision.