Enormer Fundus von Wissen und Erinnerung

 

Rottenburg. 31. Januar 2017. Es steht etwas im Schatten des Diözesanmuseums mit dessen Gemälden und Kunstobjekten, doch an historischer und wissenschaftlicher Bedeutung steht die Rottenburger Diözesanbibliothek dem Museum am gleichen Ort nicht nach: Am 7. Februar feiert die Diözese Rottenburg-Stuttgart das 100jährige Bestehen ihres Bücherhorts mit insgesamt 570.000 Exemplaren an verschiedenen Standorten, davon allein 273.000 in Rottenburg. 166.000 Titel der öffentlich zugänglichen Bibliothek unter der Leitung des Diplomtheologen und –bibliothekars Georg Ott-Stelzner sind elektronisch erfasst. Am 7. Februar nimmt Bischof Gebhard Fürst am Festakt im Bischöflichen Ordinariat teil.

Ihre Existenz verdankt die Diözesanbibliothek letztlich den Reformbestrebungen des damaligen Konstanzer Generalvikars Wessenberg, der Bibliotheken für die Bildung des Klerus verlangt hatte. 1810 ordnete der württembergische König Landkapitelsbibliotheken an, 28 waren es damals. Deren Bedeutung sank, als 1916 schließlich die Diözesanbibliothek errichtet wurde. Gleichwohl existieren heute noch formal 22 Landkapitelsbibliotheken, deren Bestände in Depots etwa in Obermarchtal oder Weingarten zusammengefasst sind.

Die im 19. Jahrhundert bestehenden 28 Landkapitel hatten neben traditionellen organisatorischen und sozialen Aufgaben nach Wessenbergs Willen schließlich auch den Zweck, mittels theologischer, philosophischer, pädagogischer, naturwissenschaftlicher wie auch belletristischer Literatur den Klerus zu bilden – und damit auch das Volk. Die Landkapitel wurden verpflichtet, eine Lesegesellschaft und eine Bibliothek zu unterhalten. Das königliche Dekret vom 12. Juli 1810 schreibt detailliert vor, wie das zu gehen hat: Die Bücher und Zeitschriften der am Sitz des Dekans installierten Bibliothek müssen zirkulierend von den Geistlichen weitergereicht werden, die dafür eine Abo-Gebühr zu entrichten hatten. Die Bibliothek durfte die angeschafften Exemplare nicht verkaufen, vielmehr musste sie ein Magazin einrichten und einen stets aktuell gehaltenen Katalog führen. Bis heute hält die Bibliothek ihre Bestände auf aktuellem Stand. „Ein 20 Jahre altes Buch will kaum jemand mehr ausleihen“, sagt der Chef.

Noch heute lebt die Diözesanbibliothek neben dem Erwerb von Büchern auch von Nachlässen und Zustiftungen. Das erste große Büchergeschenk stammte gleich zur Gründung aus der Pfarrstelle Schönenberg bei Ellwangen, und noch heute bereichern Pfarrer, Kirchengemeinden und Privatpersonen den Bestand mit größeren oder kleineren Buchgeschenken. Oft ist das Angebot so groß, dass der Chef der Bibliothek akribisch auswählen muss. Seit 1961 nimmt die Institution am sogenannten Deutschen Leihverkehr teil. Dadurch können Nutzer alle Bestände sowohl über den Zentralkatalog von Baden-Württemberg als auch über den Südwestdeutschen Bibliothekverbund recherchieren.

Seit über 20 Jahren gehören auch die Bibliotheken des Priesterseminars, des Bischöflichen Ordinariats und des Tübinger Wilhelmsstifts zum Fundus der Diözesanbibliothek. 1996 kam sie in der Rottenburger Karmelitergasse unter ein Dach mit dem Diözesanmuseum; ein Lesesaal mit zwölf Plätzen und EDV-Ausstattung gehören zum Angebot. Angesichts einer wachsenden Fülle von Literatur wird Beratung für die Nutzer immer wichtiger, wie Bibliotheksleiter Ott sagt: „Für viele Nutzer vor Ort oder auch am Telefon sind wir wichtige Begleiter in deren wissenschaftlicher Arbeit.“