Erinnerung an den 1. September 1939

„Zum 70. Mal jährt sich am 1. September der Beginn des Zweiten Weltkriegs. Dieser Tag mahnt zum Gedenken. Er ist auch nach so langer Zeit Anlass zur Trauer über die Abermillionen Toten, die dem verbrecherischen Angriffskrieg des nationalsozialistischen Deutschland zum Opfer gefallen sind; Trauer über ungezählte Menschen, deren Leben und Glück durch die Kriegswirren schwer beeinträchtigt wurden – oft über Generationen hinweg bis zum heutigen Tag. Trauer und Scham auch über das unfassbar Böse, das von unserem Volk ausging und die Welt verwüstet hat.

Die Zeitzeugen des Geschehens von 1939 bis 1945 sind heute hoch betagt, ein großer Teil von ihnen ist bereits verstorben. Umso mehr müssen wir dafür Sorge tragen, dass diese Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten. Wir sind dies den Opfern schuldig. Wir sind es aber auch uns selbst und den nachfolgenden Generationen schuldig, dass wir die Erinnerung daran wach halten, damit sie eine unablässige Mahnung zu unbedingtem Friedenswillen und zur Versöhnungsbereitschaft, zum vorbehaltlosen Respekt vor der Würde jedes Menschen für uns bleiben kann. Dies ist umso dringender, je mehr Intoleranz und Rassismus wieder politischen und gesellschaftlichen Boden zu gewinnen versuchen und je mehr die Gewalt bereits unter vielen Kindern und Jugendlichen zu einer wie selbstverständlich hingenommenen Form der Auseinandersetzung zu werden scheint. Ich bin dankbar für die Erklärung der beiden Vorsitzenden der deutschen und der polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch und Erzbischof Józef Michalik, die in ihrer gemeinsamen Erklärung zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns die ‚lebendige Sorgen um den Frieden’ zum Ausdruck bringen. Sie bringen darin das Verbrechen dieses Kriegs in all seinen Dimensionen unmissverständlich zur Sprache, plädieren für eine redliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und erinnern zugleich daran, dass der Friede auf das das Bemühen jedes einzelnen angewiesen sei.

Christen bekennen sich dazu, dass „Christus unser Friede“ ist und dass dieser Frieden „den Fernen und den Nahen“ gilt (Epheserbrief 2,14 und 17) Dieses Wort nimmt die Kirche in die Verantwortung dafür, dass Friedenswille und Versöhnungsbereitschaft stärker sind als Feindseligkeit und Gewalt – in unserem eigenen Land und in den Dimensionen einer zunehmend entgrenzten und vernetzten Welt. Die Kirche muss sich dabei ehrlich der Gewaltgeschichte stellen, die es auch im Namen des Christentums immer wieder gegeben hat. Sie kann aber auch einen Dienst am Frieden und an der Humanisierung leisten, ohne den die Welt ärmer wäre. Der 1. September ist Anlass dazu, um die Kraft für diesen Dienst zu beten.“