Erinnerung an einen „Bischof des nachkonziliaren Dialogs“

Zuvor legte Bischof Fürst in der Sülchenkapelle einen Kranz am Grab des noch heute beliebten volksnahen Bischofs nieder.

Bischof Mosers Wahlspruch: „Ut habeant vitam“ – „Damit sie das Leben haben“

Durch seinen Wahlspruch aus dem Johannes-Evangelium, „Ut habeant vitam“ – „Damit sie das Leben haben“, habe Georg Moser „auf die Mitte der Frohbotschaft und auf das Wesentliche unserer Berufung zum Christsein“ hingewiesen, betonte Bischof Fürst. Von Anfang an sei ihm die grundlegende Orientierung des christlichen Lebens und Glaubens an der Hirtengestalt Jesu Christi wichtig gewesen. Zugleich habe Moser mit der Gestalt des Hirten, an den sein Wahlspruch erinnere, „die maßgeblichen Konturen für das christliche Verständnis eines Lebens in der Fülle und aus der Fülle deutlich“ gemacht, betonte der Bischof. Das Bild des vertrauenswürdigen, verlässlichen Hirten greife das „Urbedürfnis der Menschen nach Gewissheit, nach Orientierung, nach guter Leitung und solidarischer Gemeinschaft“ auf.

Mit seinem Wahlspruch habe Bischof Georg Moser seinen Dienst als Bischof ausdrücklich in die Nachfolge des guten Hirten Jesus Christus gestellt, so Bischof Fürst. Sein Vorgänger habe damit aber auch deutlich gemacht, dass das Leben von Christen als „bewusst gestaltete und konkret gelebte Hirtensorge der Menschen miteinander und füreinander“ erkennbar sein müsse. Das „ewige Leben“, von dem in Bischof Mosers Wahlspruch die Rede sei, sei nach dessen eigenen Worten „kein Anhängsel an die jetzige Existenz, sondern eine neue Qualität unseres Seins“. Die christliche Wahrheit müsse als das „erhellende Wort vom Leben zum Licht, zur Weite, zur Kraft und zum Trost für den Menschen der Gegenwart“ werden, zitierte Bischof Fürst seinen verstorbenen Vorgänger. Es sei „die Aufgabe der Kirche, dieses befreiende Angebot für ein neues, bis ins Letzte sinnträchtiges Leben zu vermitteln“. Diesem Anspruch gerecht zu werden habe sich Bischof Georg Moser zeitlebens bemüht. „Sein eigenes Bischofs-Leben ist der lebendige Kommentar seiner eigenen Worte“, betonte Bischof Fürst.

Geprägt durch theologische Offenheit und Dialogbereitschaft

Beim anschließenden Festakt in der Rottenburger Zehntscheuer würdigte der langjährige Persönliche Referent Georg Mosers und jetzige Domkapitular Hubert Bour in einem Vortrag den neunten Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Bour erinnerte an Mosers langjährige Tätigkeit als Direktor der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, an dessen Präsidentschaft in der deutschen Sektion der internationalen Friedensbewegung „Pax Christi“ und besonders an dessen Funktion als Vorsitzender der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, in der ihm Bischof Gebhard Fürst heute nachgefolgt ist. In einem persönlich gehaltenen Lebensbild schilderte Bour den 1923 geborenen Allgäuer Georg Moser „als Volksbischof im besten Sinne“ von „erfrischender Natürlichkeit“, der seine Herkunft als Handwerkersohn nie verleugnet habe, herzhaft lachen konnte und „menschliche Wärme und Freude ausstrahlte“. Zugleich sei er ein brillanter Redner gewesen, der unermüdlich an seinen Texten feilte, dessen Sprache stets gepflegt und dennoch klar und einfach gewesen sei und dessen Bücher „unzähligen Menschen – auch vielen Nichtkatholiken – Orientierung, Lebenshilfe und Trost im besten Sinne des Wortes vermittelt“ hätten.

Eine „gute Portion schwäbisch-allgäuerischer Lebensweisheit“ habe seiner Spiritualität „Erdhaftung“ gegeben, hob der Domkapitular hervor. Als tief religiöser Mensch habe Bischof Moser „feste Standpunkte und unverrückbare Glaubensüberzeugungen“ gehabt, die ihn manche Positionen „schroff zurückweisen“ ließen. „Er war eben so katholisch, dass er es sich leisten konnte, liberal zu sein“, formulierte Bour.

Diese Eigenschaft unterstrich er besonders: die große theologische Offenheit und Dialogbereitschaft Georg Mosers. Man könne Moser „als Bischof des nachkonziliaren Dialogs bezeichnen“, dem „jeder starre Dogmatismus, der auf alles schon Antworten parat hat“, fremd gewesen sei. Diese Grundhaltung ließ Bischof Moser auch vor innerkirchlichen Auseinandersetzungen nicht zurückweichen, wie Bour an der Auseinandersetzung um die Enzyklika „Humanae Vitae“ von Papst Paul VI. aus dem Jahr 1968 deutlich machte. Seine Dialogbereitschaft habe Moser auch dadurch unter Beweis gestellt, dass er zehn Jahre nach der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland für die Diözese Rottenburg-Stuttgart in den Jahren 1985 und 1986 eine Diözesansynode einberufen habe, in der zukunftsweisende Perspektiven heutiger Pastoral diskutiert worden seien. Viele der Anliegen dieser Synode bedürften noch heute der Umsetzung. Und, so Bour, die Voten der Synode hätten in Rom kein Gehör gefunden.

Als schwere Belastung für Georg Moser schilderte Prälat Bour den von ihm selbst aus nächster Nähe miterlebten Konflikt um den Tübinger Theologen Hans Küng. Dieser Konflikt habe „den Bischof sehr in Bedrängnis gebracht und an seiner Gesundheit gezehrt“. Trotz intensiver Vermittlungsversuche zwischen dem Vatikan und Küng und trotz eines „Dialogs bis zur Erschöpfung“ – so Mosers eigene Worte – sei es dem Rottenburger Bischof nicht gelungen, den Entzug der Lehrerlaubnis Küngs durch Rom Ende des Jahres 1979 zu verhindern. Küngs heutige Bewertung, Bischof Moser habe „versagt“ und sei „eingeknickt“, so merkte Bour kritisch an, sei „ganz und gar ungeeignet, das Verhalten eines Bischofs zu bewerten, der die Verantwortung für eine ganze Diözese trägt“.Am 9. Mai 1988 ist Bischof Georg Moser an den Folgen eines langjährigen schweren Nierenleidens im Stuttgarter Marienhospital gestorben.