Erinnerung an einen „großen Hirten unserer Diözese“

Sproll ist am 4. März 1949 in Rottenburg im Alter von 78 Jahren gestorben. Bischof Sproll sei der erste und neben dem Münsteraner Bischof Clemens August von Galen nahezu der einzige deutsche Bischof gewesen, der „den nationalsozialistischen Machthabern öffentlich eindeutig und entschieden die Stirn geboten“ habe, sagte Bischof Fürst. Und kein anderer Bischof hätte so bittere persönliche Konsequenzen zu tragen gehabt. Es sei verwunderlich, dass sein Name und sein Zeugnis außerhalb der Diözese bis heute kaum im öffentlichen Bewusstsein sei, geschweige denn, dass er nach seiner Rückkehr aus dem durch die Nationalsozialisten erzwungenen Exil die verdiente Würdigung erhalten habe.

Bereits im vorausgegangenen Gottesdienst im Rottenburger St.-Martinus-Dom hatte der Bischof betont, Joannes Baptista Sproll „habe glaubwürdig und konsequent vorgelebt, aufzustehen gegen die Mächte des Todes, getragen von der Gewissheit der Zusage des Evangeliums, Gott an seiner Seite zu wissen“. Mit dieser Gewissheit „konnte Bischof Sproll gegen die brutalen Maßnahmen des Nazi-Regimes und gegen viele Stimmen und Stimmungen des damaligen Zeitgeistes hinstehen, widerstehen und einstehen für seine Überzeugung.“ Sproll habe, so Bischof Fürst, in seiner Zeit eindrucksvoll vorgelebt, „was Zeugenschaft Jesu heißt“, und er habe dies ohne Rücksicht auf Ruhm und Anerkennung, ohne Schonung der eigenen Gesundheit und unter Gefahr für das eigene Leben getan.

In seinem Vortrag bei der Gedenkfeier hob Bischof Fürst hervor, Sproll habe von Anfang an „den zutiefst antichristlichen und inhumanen Geist der Nationalsozialisten“ erkannt und unter großer öffentlicher Aufmerksamkeit beim Namen genannt. Insbesondere Alfred Rosenbergs „Mythus des 20. Jahrhunderts“ mit seiner Blut- und Rassenideologie habe er als einen „Generalangriff auf das Christentum“ betrachtet. Es könne davon ausgegangen werden, dass Bischof Sproll die „verheerenden Konsequenzen“ dieser Rassenideologie für die Juden klar erkannt habe. Denunziationen aus Parteikreisen machten deutlich, dass er den Repressionen der Nationalsozialisten gegenüber den Juden ablehnend gegenüber gestanden sei. Bischof Fürst zitierte seinen Amtsvorgänger Sproll mit einem Ausspruch aus dem Jahr 1940: „Wir haben geschwiegen, als die Synagogen brannten, auch unsere Kirchen werden noch brennen.“ Dies sei als ein selbstkritisches Wort Sprolls auch auf die eigene Kirche seiner Zeit hin zu verstehen, so Bischof Fürst, dass nicht nur die Verbrechen selbst, sondern auch das Schweigen zu diesen Verbrechen zu einer schweren Schuld werden können. Es sei aber auch eine Mahnung Sprolls, die bis heute nachwirke. „Wir haben die Verantwortung vor Gott und den Menschen, nicht zu schweigen, nicht zuzusehen, sondern in aller gebotenen Klarheit zu reden und zu widerstehen, wenn Antisemitismus und Rassismus sich wieder hoffähig zu machen versuchen“, so der Bischof.

Den Hintergründen der Rottenburger Bischofswahl von 1926/27 ging der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf in einem Vortrag unter der Überschrift „Die Affäre Sproll“ nach. Erstmals sei es jetzt nach Öffnung des Geheimarchivs Papst Pius XI. möglich gewesen, die bislang ungeklärten Umstände dieser „Affäre“ historisch „minutiös“ zu rekonstruieren, erläuterte Wolf. Es handle sich dabei um die verleumderische Denunziation eines Tübinger Moraltheologen, der Nuntius Eugenio Pacelli Gerüchte anzeigte, denen zufolge Sproll zwei uneheliche Kinder habe. Dies habe nach der bereits Ende März 1927 erfolgten Wahl und Bestätigung des Weihbischofs und Generalvikars Sproll als 7. Bischof der Diözese Rottenburg dessen Inthronisation noch einmal um ein Vierteljahr verzögert. Dieser Denunziation habe ein gerichtliches Verleumdungsverfahren im Februar 1927 zu Grund gelegen, in dem Sproll sich – erfolgreich – gegen das entsprechende Wirtshausgerede zweier Lehrer zur Wehr gesetzt habe. Von diesen sei das Gerücht in die Welt gesetzt worden, Sproll sei aus seiner Zeit als Gemeindepfarrer Vater eines unehelichen Kindes. Dass nach dem Tod Bischof Wilhelm von Kepplers der Rottenburger Bischofsstuhl fast ein Jahr lang unbesetzt blieb – die „Affäre Sproll“ im weiteren Sinne -, hing nach den Ausführungen Professor Wolfs aber auch damit zusammen, dass sich der Vatikan lange nicht mit der Württembergischen Staatsregierung und dem Rottenburger Domkapitel auf ein Verfahren der Bischofswahl einigen konnte. Und schließlich habe es noch eine umfangreiche – allerdings geheime – Personaldiskussion um den geeigneten Bischofskandidaten gegeben, bei der Sproll von Nuntius Pacelli zunächst nicht favorisiert worden war.

Warum Bischof Joannes Baptista Sproll bislang nicht selig gesprochen worden sei, obwohl er dies nach Ansicht vieler Gläubiger der Diözese auf Grund seines Widerstands gegen den Nationalsozialismus verdient habe, fragte Hubert Wolf in seinem Vortrag und ließ es offen, ob dies unausgesprochen mit der „Affäre Sproll“ zusammenhängt. Bereits bei seinem Tod hätten allerdings prominente Persönlichkeiten in Rottenburg von ihm als „Martyrer“ und „Bekennerbischof“ gesprochen. Als Historiker könne er die Frage nicht beantworten, ob die Kriterien für ein Seligsprechungsverfahren gegeben seien, sagte Wolf und räumte ein, weder seien bislang Leben und Wirken Sprolls ausreichend erforscht, noch sei „die Geschichte seiner Verehrung bereits geschrieben“. Die von ihm erforschten und in einem soeben erschienenen Buch dokumentierten Umstände der Rottenburger Bischofswahl von 1926/27 räumten aber „immerhin ein mögliches erstes Hindernis auf dem Weg zur Seligsprechung“ beiseite, betonte Wolf und fügte hinzu: „Bei der Wahl Sprolls ging alles mit rechten Dingen zu, und die Gerüchte über Sprolls uneheliches Kind waren nichts anderes als eine üble Nachrede. Die ‚Affäre Sproll’ bietet keinen Anlass, den Tugendgrad des Joannes Baptista Sproll zu bezweifeln.“

Über Bischof Joannes Baptista Sproll sind jetzt folgende Publikationen erschienen:

- Hubert Wolf, Die Affäre Sproll. Die Rottenburger Bischofswahl 1926/27 und ihre Hintergründe“, Ostfildern 2009 (Thorbecke-Verlag), 263 Seiten mit einigen s/w-Abbildungen, 17 × 24 cm, gebunden, ISBN: 978-3-7995-0830-8, € 24,90, sFr 44,90

- Herbert Aderbauer / Thomas Oschmann (Hg.), 70 Jahre Verfolgung und Vertreibung von Bischof Joannes Baptista Sproll, Herausgegeben im Auftrag des Bischöflichen Ordinariats der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Ostfildern 2009 (Schwabenverlag), Broschur, Format 21 x 29,7 cm, 144 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, ISBN: 978-3-7966-1448-4, € 9,90, zu beziehen im Buchhandel oder beim Diözesanarchiv Rottenburg

- „Tapfer im Glauben“ - Sonderedition des Katholischen Sonntagsblattes zum 60. Todestag von Bischof Dr. Joannes Baptista Sproll. Historische Informationen – Zeitzeugenberichte - Erinnerungsstücke – Stimmen und Wertungen. 56 Seiten, 6 Euro (plus Versand). Bestellung per Telefon: (0711) 4406 136/135, per E-Mail: marketing(at)schwabenverlag.de