Erinnerungen an den Schrecken und Begegnungen mit einem „unglaublich liebenswürdigen Volk“


Die Bilder, die sie in dem berüchtigten Folterlager S-21 gesehen habe, werde sie „noch einige Zeit in den Knochen herumtragen“, meinte Stetter-Karp. Während des Terrorregimes der Roten Khmer unter Pol Pot waren zwischen 1975 bis 1979 von den damals acht Millionen Einwohnern Kambodschas rund zwei Millionen ermordet worden oder auf andere Weise ums Leben gekommen. Allein in S-21 seien in dieser Zeit etwa 10.000 Menschen gefoltert worden. Andererseits habe sie sich bei den vielfältigen Begegnungen immer wieder gefragt: „Wie kann ein Volk so unglaublich liebenswürdig, freundlich, offen, lachend durch den Tag gehen?“ So gebe es etwa nach ihrer Beobachtung im Gegensatz zu anderen Armutsregionen auch wenig familiäre Gewalt. Einer der Gründe dafür könnte nach Ansicht von Irme Stetter-Karp der Buddhismus sein, der seit über 2.000 Jahren in den Seelen der Menschen lebendig sei. Allerdings, so befürchtet sie, könnten auch die schweren Traumatisierungen einen Verdrängungsprozess bewirken, so dass die Folgen der Schreckenserfahrungen vielleicht erst später aufbrechen würden. Dafür spreche auch, dass nach ihrer Wahrnehmung von einer erkennbaren Aufarbeitung dieser Geschichte wenig zu spüren sei. Die Prozesse gegen führende Repräsentanten des Pol-Pot-Regimes vor dem Internationalen Strafgerichtshof der UN in Den Haag würden im Land eher mit Verständnislosigkeit für den damit verbundenen Aufwand und für die als zu gering betrachteten Strafen registriert.

Caritas international hatte Verantwortungsträger der deutschen Caritas zu der Reise eingeladen, um vor Ort die Arbeit der erst 20 Jahre alten kambodschanischen Caritas kennen zu lernen, von Deutschland aus geförderte Projekte zu evaluieren sowie Möglichkeiten der Weiterentwicklung und Verbesserung der Partnerschaft zu sondieren. Angesichts eines Anteils der Christen von nur einem Prozent an der Gesamtbevölkerung Kambodschas verdienen nach Ansicht Frau Stetter-Karps die Bemühungen der katholischen Kirche und ihrer Caritas höchste Anerkennung, der radikalen Armut weiter Bevölkerungsteile und den endemisch verbreiteten Krankheiten wie Aids oder Tuberkulose entgegen zu wirken und den Wiederaufbau des völlig zerstörten Gesundheitswesens und des Sozialgefüges mit zu gestalten. Zu den Schwerpunkten der Caritasarbeit zähle zum Beispiel die Unterstützung beim Aufbau dörflicher Sozialstrukturen. Als vorbildlich bezeichnete sie die integrative, von großem Respekt geprägte Förderung von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung. Davon könne für die Inklusionsdiskussion hierzulande viel gelernt werden, meinte die Ordinariatsrätin. Das gelte ebenso für die Gestaltung von Leitungs- und Verantwortungsstrukturen, die – konsequent „gender-based“ – prinzipiell paritätisch von Frauen und Männern besetzt seien.

Hinweis: Eine Video-Aufzeichnung des Gesprächs, das Pressesprecher Dr. Thomas Broch mit Dr. Irme-Stetter-Karp nach ihrer Rückkehr aus Kambodscha geführt hat, kann unter www.caritas.de // Medien und Presse // Video aufgerufen werden.
Der Wortlaut des Interviews ist ebenfalls unter www.caritas.de zu finden.