Eröffnung des bundesweiten Caritas-Sonntag in Stuttgart:

**********
Bischof Gebhard Fürst: „Hand-greiflich werden für Menschen, die selbst keine Kraft dazu haben“

In seiner Eröffnungspredigt betonte Bischof Gebhard Fürst, mit seinem Leitwort „Not sehen und handeln“ formuliere die Caritas „eine urchristliche Wahrheit für unsere Zeit neu“. Dass der Caritas-Sonntag mit einer Eucharistiefeier eröffnet werde, mache den Auftrag der Christen deutlich, gemeinsam mit Jesus „gebrochenes Brot für das Leben der Welt“ zu werden und sich für eine gerechtere Welt einzusetzen. Alle die Verantwortung tragen, müssten „tatkräftig, entschlossen und konkret daran mitwirken, dass bei immer mehr Menschen ‚soziale Manieren für eine bessere Gesellschaft’ wachsen“ könnten, sagte der Bischof in Anknüpfung an die aktuelle Jahreskampagne der Caritas. Mit dem Appell dieser Jahreskampagne würden Menschen wieder in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gerückt, bei denen man oft lieber wegschaue oder die sich aus Scham versteckten. Was die unterschiedlichsten Arten der Not verstärke, sei die mangelnde Aufmerksamkeit und Sensibilität der Gesellschaft, sagte Bischof Fürst. Grund für viele Not sei „das unbewusste, leichtfertige oder gar bewusste Wegschauen“ sowie die mangelnde Wertschätzung, „die ganz bald schon zu mangelnder Wahrnehmung führt“.

Die Augen des Glaubens, so der Bischof, müssten lehren, Missstände und Fehlentwicklungen vertieft wahrzunehmen und die Sichtweisen der Christen gerade auf die Ränder der Gesellschaft hin zu schärfen. Diese Ränder seien allzu oft nicht naturgegeben, „sondern von Menschen, Interessen und Verhältnissen angerichtet“, betonte Bischof Fürst.

Der Glaube müsse wachsam und hellsichtig machen für die Kriterien, nach denen Menschen alle Aufmerksamkeit von öffentlicher Meinung, Gesellschaft, Medien und Politik erfahren oder aber „im Dunkel, im Vergessen, in der Kälte“ bleiben. Dabei gehe es nicht um Themen, die man beliebig entscheiden oder vernachlässigen könne. „Bei dem Thema, wie wir mit anderen Menschen umgehen, gerade mit denen, die keine Fürsprecher haben, geht es ums Ganze“, sagte Bischof Fürst. Hier entscheide sich auch die Glaubwürdigkeit der Kirche. Nur eine Kirche, in der Caritas, konkrete Nächstenliebe, gelebt werde, sei zu einer glaubwürdigen Verkündigung der Frohen Botschaft fähig. Nur eine Kirche der Caritas sei auch eine missionarische und überzeugende Kirche. Der Umgang mit den Ärmsten entscheide nicht über die Gesellschaft insgesamt, sondern „letztlich über uns selbst und das Heil unseres Lebens“, so Bischof Fürst. Und weiter: „Ungerechtigkeit schreit zum Himmel – und der Himmel schreit zurück. Gott selbst stellt sich auf die Seite der Armen, der Opfer, der Ausgegrenzten, der Außenseiter.“

Bei dem Kampagnenmotto der Caritas, „Soziale Manieren für eine bessere Gesellschaft“ gehe es nicht etwa darum, „sich bei Tisch ein wenig besser benehmen zu können“, so Bischof Fürst. Vielmehr drücke dieses aus, „dass in unserer Gesellschaft Menschen gehindert sind, überhaupt am Tisch Platz zu nehmen“. Das Caritas-Thema fordere dazu auf, im besten Sinne „hand-greiflich zu werden für die Menschen, die selbst dazu keine Kraft haben“, betonte der Bischof.


**********

Caritas-Präsident Peter Neher: „Sozial- und Bildungspolitik sind nicht zu trennen“

Armut verfestigt sich zunehmend

„Es ist schwieriger geworden, sich aus materieller Armut oder sozialer Isolation zu befreien", erklärte Caritas-Präsident Peter Neher beim anschließenden Empfang im Stuttgarter Haus der Katholischen Kirche vor rund 200 Gästen – darunter Vertreter der Landesregierung sowie aus Politik und Kirche. Mit der Jahreskampagne 2009 unter der Überschrift „Soziale Manieren für eine bessere Gesellschaft“ nehme die Caritas daher vor allem Menschen in den Blick, die durch Brüche in der Biografie oder aufgrund unterschiedlicher Probleme kein von Sozialleistungen unabhängiges Leben führen können.

 

Den Obdachlosen am Straßenrand einfach mal grüßen

Materielle Grundsicherung und eine solidarische Sozialpolitik – so lauten Nehers Forderungen an die neue Bundesregierung. Daneben bräuchten wir in dieser Gesellschaft die Aufmerksamkeit für die Situation des anderen. Bei obdachlosen Menschen werde das Leben am Rand ganz besonders sichtbar. Der Caritas-Präsident ermutigte die rund 200 Gäste im Haus der Katholischen Kirche, Menschen, die am Straßenrand sitzen, zu sehen, zu grüßen und ihnen zuzulächeln. „Die Art und Weise, wie wir einander im Alltag begegnen, ist immer auch Ausdruck einer Haltung, die meine Wertschätzung dem anderen gegenüber deutlich macht.“

Sozial- und Bildungspolitik sind untrennbar

Der Caritas-Präsident forderte die neue Bundesregierung auf, eine langfristige Sozial- und Wirtschaftspolitik zu betreiben: „Wir brauchen keine neuen Abwrackprämien, sondern einen ökologischen Umbau der Industrie und Investitionen in bessere Bildungschancen.“ Sozial- und Bildungspolitik seien nicht mehr zu trennen.

Jeder muss so viel Geld haben, dass er sein tägliches Brot selbst kaufen kann

Von den vielen Menschen und Unternehmen, die sich in Tafeln engagieren, zeigte sich der Caritas-Präsident beeindruckt. „Tafeln helfen Notsituationen zu überbrücken.“ Gleichzeitig warnte er davor, dass Tafeln weder die strukturellen noch die individuellen Ursachen von Not bekämpften. „Jeder muss so viel Geld haben, dass er sein tägliches Brot selbst kaufen kann.“ Neher forderte zugleich, dass Tafeln mit Befähigung verbunden sein sollten: etwa mit Kursen zur Organisation des Haushalts oder zum gesunden Einkaufen und Kochen.

**********

Vier außergewöhnliche Projekte von Ehrenamtlichen, die Menschen am Rande unterstützen, erhielten bei der Auftaktveranstaltung den mit insgesamt 10.000 Euro dotierten Caritas-Preis „Solidarität stärken“ 2009:
• Die Initiative „Hilfe bei Selbsttötungsgefahr und Lebenskrisen“ – Arbeitskreis Leben (AKL) Sindelfingen e.V.
• Die Initiative „Kinderhospizclowns“, Kinderhospizdienst Kirchheim unter Teck
• Die Initiative „Second-Hand-Boutique PragA“, Katholische Kirchengemeinde St. Georg in Stuttgart und Caritasverband für Stuttgart e.V.
• Initiative „Gemeinsam aktiv – Ehrenamtliche lernen gemeinsam mit Praktikanten die soziale Arbeit der Bahnhofsmission kennen“, Bahnhofsmission Ulm, IN VIA-Katholischer Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit

Weitere Informationen zu den Caritas-Preisträgern finden Sie unter www.caritas-rottenburg-stuttgart.de. Bitte beachten Sie dazu auch die eigene Pressemitteilung des Caritasverbandes der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Unter http://blog.soziale-manieren.de kommen in einem Webtagebuch Menschen am Rande zu Wort. Unter ihnen: Verschuldete, Wohnungslose, Häftlinge, Junkies und Streetworker.