Es geht um die Freiheit

„In zahlreichen Gottesdiensten und öffentlichen Feiern wird an diesem 9. November des Falls der Berliner Mauer vor 20 Jahren gedacht. Spitzenpolitiker aus Deutschland, aus den europäischen Nachbarstaaten einschließlich Russlands, aus den USA und anderen Nationen sind zugegen und bringen dadurch zum Ausdruck, dass dieses Datum ein Ereignis von internationalem Rang und von weltgeschichtlicher Bedeutung markiert. Mutige Bürgerrechtler und Christen haben maßgeblich zum Ende des SED-Staates beigetragen. Verantwortungsbewusste und weitsichtige Politiker aus West und Ost haben die Chance ergriffen, die Spaltung Deutschlands und Europas zu beenden, die totalitären kommunistischen Systeme zu überwinden und sie in demokratische Strukturen zu überführen. Nicht überall ist dies so gewaltlos und unblutig vonstatten gegangen wie dankenswerter Weise in unserem Land, in Polen, Tschechien oder Ungarn. Die Kriege und Gewaltexzesse im zerfallenden Jugoslawien oder in Rumänien haben auch die anderen Möglichkeiten eines solchen Umbruchs aufgezeigt.

Am Dienstag werden die Feiern beendet sein. Es bleibt die Frage, was über den Tag hinaus von Bedeutung ist. Sicher muss dabei von den nach wie vor bestehenden strukturellen Ungleichheiten in Ost und West gesprochen werden, von gegenseitigem Nichtverstehen, das teilweise bis heute anhält. Von grundlegender Bedeutung aber ist für mich etwas anderes: Die Menschen in der damaligen DDR, in Polen, Tschechien und Ungarn, in den Staaten Südosteuropas - sie haben für die Freiheit gekämpft. Unter hohem persönlichem Risiko für Leib und Leben haben sie das Recht auf freie Meinungsäußerung, auf unbehinderte Religionsausübung, auf freie Wahlen, auf ein Leben in mündiger Selbstbestimmung und Würde ohne staatliche und ideologische Reglementierung über die eigene Angst und die eigene Bequemlichkeit gestellt. Es ging nicht einfach ums Reisen, es ging erst recht nicht einfach um mehr Wohlstand – es ging um die Freiheit. Sie ist die Seele eines demokratischen Gemeinwesens und das Zentrum eines menschenwürdigen Lebens. Dies zu betonen scheint mir wichtig angesichts des mehr und mehr alle Lebensbereiche einseitig betreffenden Diktats des Ökonomischen und der Verwechslung von Demokratie mit uneingeschränktem Wohlstand. Es ist aber auch das bleibende Vermächtnis, das der weit verbreiteten Verdrossenheit und Resignation entgegen steht: Die Protagonisten des 9. November haben trotz unüberwindlich erscheinender Schwierigkeiten die Hoffnung über die Mutlosigkeit gestellt.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November haben auch die Synagogen in Deutschland gebrannt, wurden Wohnungen geplündert und jüdische Menschen misshandelt und ermordet. Dieser Tag bedeutet für unser Volk auch das Gedächtnis tiefer Schande. Und wir müssen bekennen, dass die Christen und die Kirchen über die Jahrhunderte hinweg erhebliche Mitschuld tragen an dem immer wieder aufflammenden Antisemitismus, der in der Shoa seinen entsetzlichen und in der Menschheitsgeschichte einmaligen Höhepunkt erreicht hat. Auch in der Zeit des Nationalsozialismus war die Zahl mutiger katholischer und evangelischer Christen in der Minderzahl, die nicht geschwiegen und weggesehen haben, sondern ihren bedrängen jüdischen Mitbürgern unter Gefahr für das eigene Leben beigestanden sind.

So zeigt dieser 9. November in exemplarischer Weise wie nahe die Geschichte der Diktatur und des Terrors und die Geschichte der Freiheit bei einander liegen. Wir blicken mit großer Dankbarkeit auf die Freiheitsgeschichte unseres Landes nach Krieg und Mauerfall zurück, wir müssen uns aber auch bewusst bleiben, wie gefährdet demokratisches Denken und Leben stets sind und wie die Mauern von Ausgrenzung, Rassismus und bornierter Engstirnigkeit immer wieder in den Köpfen von Menschen zu wachsen beginnen.

Und wir müssen uns auch bewusst bleiben, wie nahe im Leben und Handeln der Christen und der Kirchen Mut und Verzagtheit, Glaubwürdigkeit und Unglaubwürdigkeit bei einander liegen. Die Freiheit der Kinder Gottes zu wagen ist eine Gnade, um die wir stets beten müssen.

Es bleibt aber über allem an diesem 9. November ein Zeichen der Hoffnung: Grenzen müssen nicht unüberwindlich sein, und Mauern können ein Verfallsdatum haben – zwischen den Menschen und Staaten und auch in uns selbst. Wir dürfen denen dankbar sein, die es uns vorleben.“