„Es ist etwas gewachsen, hinter das man nicht zurückgehen kann.“

Der heutige Präsident des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen war am 17. Juni 1989 als Nachfolger des 1988 verstorbenen Bischofs Georg Moser im Rottenburger Dom St. Martinus zum Bischof geweiht und als 10. Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart inthronisiert worden – im selben Dom, dessen Umgestaltung in sein heutiges Erscheinungsbild er noch selbst angestoßen hatte.

Eine „neue Evangelisierung Europas“ und für Deutschland eine „grundlegende Katechese, eine Hinführung zum Glauben an Jesus Christus“ forderte Kasper in seiner Predigt. Ohne dies hänge „alles in der Luft“. Erforderlich sei eine neue Ordnung, deren Werte für alle in der Gesellschaft gelten und besonders auch auf Arme und Benachteiligte hin ausgerichtet sei. Auch die Kirchengemeinden müssten evangelisiert werden, bevor sie selbst die Kraft hätten die Gesellschaft zu evangelisieren. Auch für einen Bischof gebe es in der derzeitigen Orientierungskrise nichts Vordringlicheres, als das Evangelium zu verkünden. „Was gäbe es denn Wichtigeres zu sagen?“, fragte der Kardinal. Die Eucharistiefeier, die sonntäglichen Gottesdienste mit den Gemeinden seiner Diözese, hätten ihm als Bischof am meisten Freude bereitet. In Rom habe ihm dies sehr gefehlt, gab Kasper zu. Er plädierte für eine „neue eucharistische Sonntagskultur“ anstatt eines säkularisierten Wochenendes. In Rom habe er manches vermisst, aber auch manches dazu gewonnen – vor allem die Erfahrung: „Der Geist Gottes wirkt auch außerhalb der Mauern der katholischen Kirche und drängt zur Einheit am Tisch des Herrn.“ Manchmal leide er an der Situation. Andererseits warb er für Zuversicht: „Die Kirche lebt, sie ist und jung und lebendig. Und es tut gut, zu dieser weltweiten katholischen Kirche zu gehören.“

Als Gesprächspartner noch für viele Jahre wünschte sich der evangelische Landesbischof Frank Otfried July den ehemaligen Rottenburger Bischof und heutigen Kurienkardinal Walter Kasper. In Württemberg, so betonte er, seien die „ökumenischen Brücken solide und fest gebaut“. Walter Kasper, an dessen Bischofsweihe er selbst teilgenommen habe, sei als Priester, als Professor, als Bischof und als Kardinal stets ein „Diener des Wortes“ gewesen. Dem Ökumene-Theologen bestätigte July dessen Position, Ökumene gelinge nur aus einem Geist der Ökumene, „aus einer geistlichen Ökumene heraus“ – ehrlich und ohne „ökumenische Schummelei“. Angesichts der Herausforderungen, vor denen Christen heute in Deutschland und in Europa stehen, würden die trennenden Unterschiede immer geringer, betonte der Landesbischof. Allerdings hätte die gemeinsame Position zur Theologie der so genannten „Rechtfertigung“ gezeigt, dass man auch bereit sein müsse, sich „theologischen Grundsatzfragen am Nerv“ und „Wurzelbehandlungen“ auszusetzen. „Ökumene“, so Landesbischof July, „kann nicht in strukturierter Selbstgefälligkeit geschehen, sondern nur in leidenschaftlichem Miteinander.“
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Nach dem Gottesdienst gaben Bürgerwache und Stadtkapelle dem Jubilar auf dem Marktplatz eine Serenade, danach hatten rund 200 geladene Gäste aus dem kirchlichen, politischen und gesellschaftlichen Leben in der Rottenburger Festhalle Gelegenheit, Kardinal Kasper zu gratulieren. Die Ökumene und der interreligiöse Dialog hätten dem Theologen, Bischof und Kardinal stets in besonderer Weise am Herzen gelegen, betonte Bischof Gebhard Fürst in seiner Begrüßungsansprache. Kaspers „bis auf den heutigen Tag unermüdliches Engagement für die Einheit der Christen und auch für die Beziehungen zu den anderen Religionen“ werde „zwischen Jerusalem und Moskau, zwischen Rom und Rottenburg und an vielen anderen Orten dieser Erde nachdrücklich und zurecht gewürdigt“, bescheinigte Bischof Fürst seinem Vorgänger. Er wissen niemanden, so Bischof Fürst, der in den vergangenen Jahrzehnten die Einheit der Glaubenden als „inneren Impuls und oberste Priorität kirchlichen Handelns glaubwürdiger, engagierter, mit allem Herzblut und theologischer Kraft“ vorangebracht hätte als Walter Kasper.

Staatssekretär Rudolf Köberle vom Stuttgarter Innenministerium überbrachte dem Jubilar die Grüße von Ministerpräsident Günther H. Oettinger und der Landesregierung. Kasper, so erinnerte Köberle die Zuhörer an das Jahr 1989, habe das Glück gehabt, in einem Jahr zum Bischof berufen zu werden, in denen sich die weltpolitischen Ereignisse überstürzt hätten. Zehn Jahre lang habe man ihn in Baden-Württemberg als einen Hirten erlebt, der tief mit Land und Leuten verbunden sei. Nach zehn Jahren habe man ihn „nach Rom abgeben“ müssen. Doch sei man hierzulande stolz darauf, „einen der bedeutendsten und wichtigsten Theologen in Rom zu haben“, der im Württembergischen aufgewachsen sei und wichtige Phasen seines Wirkens hier verbracht habe. Man habe ihn „uneingeschränkt als Landeskind vereinnahmt“. Das Land Baden-Württemberg, so Köberle, habe seine Wurzeln auch in der konfessionellen Vielfalt. Die Notwendigkeit zum ökumenischen und interreligiösen Dialog sei dem heutigen Präsidenten des Einheitssekretariats in Württemberg „in die Wiege gelegt“ worden.

Rottenburgs Oberbürgermeister Stephan Neher wünschte dem Ehrenbürger Kasper – mit Bezug auf einen Text des Neuen Testament – einen Geist der Freiheit, aber auch der Besonnenheit. Auf dem sich rasant verändernden Markt immer neuer Entwicklungen gerate mancher auf die Verliererseite. Da sei die besonnene Analyse wichtig. Auch habe die Kirche heute besonders angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Entwicklungen die Aufgabe, Anwältin der Menschen zu sein und diesen Orientierung zu geben, die sich nicht in der Gesellschaft zurechtfinden. Es sei erschreckend, dass jährlich mehr Menschen durch Suizid zu Tode kommen als durch Verkehrsunfälle, betonte Neher. In der Ökumene sei es der Wunsch vieler Menschen, es solle viel schneller Fortschritte geben, allerdings nicht auf dem kleinstmöglichen Nenner.

Der Sprecher des Diözesanpriesterrats, der Stuttgarter Pfarrer Herbert Schmucker, verwies darauf, dass Kaspers Weihetag einer der letzten „Tage der Deutschen Einheit“ gewesen sei. Der Dienst an der Einheit sei auch die Aufgabe eines Bischofs. Einheit sei eine unerlässliche Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft. Papst Johannes Paul II. habe bei der Berufung Kaspers nach Rom „offensichtlich auf Ihre einheitsstiftenden Fähigkeiten gesetzt“, sagte Schmucker. Dabei dürfe es aber nicht um „pastorale Uniformierung“ und um einen „Uniformismus der pastoralen Planungen“ gehen, sondern darum, „unter der Maßgabe der Einheit Raum für die Vielfalt der Gaben“ zu schaffen. Als ehemalige Tübinger Theologieprofessor und heutiger römischer Kardinal sei Kasper „die personifizierte versöhnte Verschiedenheit zwischen Tübingen und Rom“, so Pfarrer Schmucker; und es sei zu wünschen, dass sich dies auch zwischen Konstantinopel, London, Wittenberg, Genf und Rom so entwickle und ebenso auch zwischen Jerusalem und Rom. Die Ökumene, so zitierte er eine Schrift des Kardinals, sei der „Bauplatz für die Zukunftsgestalt der Kirche“.

„Ich liebe diese Kirche“ habe der neu geweihte Bischof Kasper vor 20 Jahren am Schluss des Weihegottesdienstes gesagt, betonte der Sprecher des Diözesanrats, Johannes Warmbrunn. Damit habe er den Auftrag der Liebe ins Zentrum seines Wirkens gestellt. Dies habe sich bewahrheitet, als Bischof Kasper im Jahr 1993 gemeinsam mit den Nachbarbischöfen Oskar Saier, Freiburg, und Karl Lehmann, Mainz, Anstöße zu einem Wandel in der Seelsorge mit Geschiedenen und Wiederverheirateten gegeben habe. Darin sei deutlich geworden, „dass Barmherzigkeit niemals teilbar“ sei, betonte Warmbrunn.

Mit der päpstlichen Bestätigung der Wahl Walter Kaspers durch das Rottenburger Domkapitel St. Martinus zum 10. Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart habe die Tübinger Katholisch-Theologische Fakultät vor 20 Jahren zwar ihr bedeutendstes Mitglied verloren, erinnerte sich der heutige Dekan dieser Fakultät, Professor Richard Puza, dafür aber habe sie einen starken Protektor gewonnen. So habe Kasper etwa die Fakultät gegenüber der Universitätsverwaltung in entscheidender Weise gestärkt. Unter seiner Ägide sei erstmals eine Frau als Theologieprofessorin nach Tübingen und eine andere Frau in die Rottenburger Diözesanleitung berufen worden. Die Stuttgarter Pläne Bischof Kaspers hätten die Rottenburger allerdings das Fürchten gelehrt, und sie hätten sich gefragt, ob sie künftig in Rottenburg „wieder Hopfen anbauen“ oder Rottenburg zur „archäologischen Gartenstadt“ umwandeln sollten. Das Einheitssekretariat, als „zarte Palme“ aus dem Konzil hervorgegangen, sei von seinem Präsidenten Kasper „zur vollen Blüte gebracht“ worden, betonte Puza, der zugleich auch hervorhob, dass Kardinal Kasper in den Auseinandersetzungen um die Piusbrüder ausgleichend gewirkt habe.

Für einen „Geist der Zuversicht“ warb der Geehrte in seinem Schlusswort. In der Ökumene sei bereits jetzt ein „point of no return“ erreicht; es sei etwas gewachsen, „hinter das man nicht mehr zurückgehen kann“. Die Geschichte sei „nicht durch eiserne Regeln festgelegt“. Und so wie der Fall der Mauer am Morgen des 9. November 1989 als unmöglich gegolten und am Abend zur Realität geworden sei, so erwarte er auch voller Zuversicht auf das Wunder eines ökumenischen Durchbruchs. Allerdings gehe es ihm nie um eine „Einheitskirche“, sondern um Einheit in der Vielfalt und Vielfalt in der Einheit. Dies gelte für die Kirchen der Reformation ebenso wie für die Orthodoxie und auch für das Judentum. Angesichts der vielfältigen Zerrissenheit und des Leidens ungezählter Menschen daran – auch durch die Zerrissenheit der Kirchen und christlichen Konfessionen verursacht – sei es für ihn eine bedeutende Aufgabe, einen Beitrag zur Einheit leisten zu können, betonte der Kardinal. Einen großen Anteil hätten daran weniger theologische Papiere als persönliche Kontakte und Freundschaften. „Der Heilige Geist“, so seine Aktualisierung von Pfingsten, sei „nicht mit Papier gekommen, sondern mit Feuer. Und das Feuer verbrennt manchmal das Papier, und das ist auch richtig so.“ Worte, die dankbaren Beifall auslösten.