Fast vergessenes Bistum Ellwangen

1812 hatte König Friedrich nach der Erhebung Württembergs durch Napoleon zum Königreich das Städtchen zum Sitz eines katholischen Generalvikariats, der katholischen Landesuniversität („Friedrichsuniversität“) mit fünf Lehrstühlen und des Priesterseminars bestimmt.

Nach 1803 hatte Württemberg durch Säkularisation und Mediatisierung 450.000 katholische Untertanen hinzu bekommen, denen 1,3 Millionen Protestanten gegenüberstanden. Die katholischen Untertanen gehörten fünf Diözesen an, Konstanz, Würzburg, Augsburg, Worms und Speyer. Bischof Fürst erinnerte daran, dass zunächst zwei Bistümer in Ellwangen und Rottweil mit je einem Priesterseminar errichtet werden sollten. Dann sei sogar von einem Erzbistum Ellwangen mit zwei Suffraganbistümern in Rottweil und Weingarten die Rede gewesen. Diese Pläne scheiterten jedoch am Veto Napoleons. Ellwangen wurde das katholische Zentrum, für fünf Jahre. Nach dem Tode König Friedrichs verlegte sein Sohn Wilhelm 1817 Generalvikariat und Priesterseminar nach Rottenburg. Die „Friedrichs-Universität“ wurde als katholisch-theologische Fakultät der Universität Tübingen angegliedert.

Der aus der Nähe Ellwangens stammende und in Münster lehrende Kirchenhistoriker Hubert Wolf begründete die Pläne König Friedrichs für ein Bistum Ellwangen mit dem Machtkalkül des Herrschers. Keinesfalls habe er die in Altwürttemberg üblichen ständischen Mitspracherechte im neuen Landesteil installiert haben wollen, unterstrich Professor Wolf. Nur Napoleon habe diese Politik verhindern können. Positiv attestierte Wolf dem damaligen Nuntius, dass dieser 1807 nicht darauf bestanden hätte, in Württemberg ein so genanntes Tridentinisches Priesterseminar einzurichten. Dann wäre die Ausbildung der Pfarrer unter ausschließlicher Aufsicht des Bischofs fernab vom universitären Betrieb erfolgt. Der König wiederum lehnte eine Ausbildung des katholischen Klerus im geschlossenen Seminar ab, weil er die Pfarrer als Staatsbeamte betrachtete. „Scharfmacher konnte der König nicht brauchen“, sagte Wolf beim Festakt, den das renommierte Kölner TenHagen-Quartett musikalisch mit gestaltete.

Nach fünf Jahren katholischem „Bistum“ und einer „Universität“ mit nur fünf katholisch-theologischen Lehrstühlen beendete König Friedrichs Sohn und Nachfolger Wilhelm 1817 die Ellwanger Episode. Wilhelm habe einen absolutistischen Einheitsstaat angestrebt und nichts vom „Zwei-Staaten-Modell Alt- und Neuwürttemberg mit den Hauptstädten Stuttgart und Ellwangen gehalten. „Ellwangen lag ihm zu sehr an der Peripherie und war ihm zu katholisch“. Wolf betonte, dass die Episode Ellwangen trotz ihrer zeitlichen Kürze Modellcharakter gehabt habe. „Hier wurde ein alternatives, geradezu revolutionäres Modell der Diözesanleitung erfunden und erstmals praktisch erprobt.“ An die Stelle eines bis dahin monarchisch regierenden Diözesanbischofs sei in Ellwangen eine kollegiale Bistumsleitung installiert worden, „der Bischof war an die Mehrheitsentscheidung seiner Räte beziehungsweise des Domkapitels gebunden“. Erst 1830 sei dieses Modell dann für alle Diözesen der Oberrheinischen Kirchenprovinz verbindlich eingeführt worden und habe in Teilen Bestand gehabt noch bis 1993.

Uwe Renz