„Freudiges und farbenfrohes Zeugnis“

Mit Blick auf die bevorstehende Wahl zum europäischen Parlament und das 60-jährige Bestehen des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland sagte Bischof Fürst, Christen müssten stärker als bisher die christlichen Wurzeln des europäischen Kontinents ins Bewusstsein rufen. „Gerade heute bedarf es der Besinnung, um die eigenen Ursprünge nicht zu vergessen und so orientierungslos einer ungewissen Zu-kunft entgegenzutaumeln“, unterstrich der Bischof. Als Beispiele für Verluste christlicher Substanz in der Gesellschaft nannte er Streit um Kreuze in Klas-senzimmern und die Auseinandersetzung in Berlin um den Religionsunterricht. „Unser Gemeinwesen speist sich aus christlich-religiösen Wurzeln, die sorgsam behandelt und nicht mit Füßen getreten werden würfen.“

Nach den Worten von Bischof Fürst erfahren Menschen durch christlich-karitative Ein-richtungen „am eigenen Leib, an der eigenen Seele, wie es sich anfühlt, aus dem christlichen Glauben heraus anderen heilsam beizustehen oder selbst von anderen heilsamen und heilenden Beistand zu erfahren“. Die Menschen heute bräuchten so dringend wie nie zuvor das Zeugnis eines gelebten Glaubens. In christlich-diakonischen Einrichtungen gewinne oder verliere die Kirche ihren Glaubwürdigkeits-test. Zeugnis des Glaubens drücke sich aber auch in einer Lichterprozession wie der von Weingarten aus. Damit werde ein „wichtiges Zeichen in die Dunkelheit unserer Zeit“ gesetzt, das dazu motivieren könne, für das Leben aufzustehen und für den Glauben einzutreten.

Bis zu 30.000 Besucher kommen jedes Jahr zum traditionellen Blutfreitag nach Wein-garten. Die Verehrung der Blutreliquie in der Weingartener Benediktinerabtei, der größten barocken Klosteranlage Europas nördlich der Alpen, hat eine 915-jährige Tradition. Der Blutritt, auf einer 10 Kilometer langen Strecke nach altem Brauch ange-führt von einem Mönch des Klosters, gilt mit rund 3.000 Reitern in Gehrock und Zylin-der als weltweit größte Reiterprozession. Der Legende zufolge bewahrte der in der Leidensgeschichte Jesu erwähnte römische Hauptmann Longinus Erde auf, die mit Blut des Gekreuzigten getränkt war. 1094 erwarb das Kloster Weingarten die Reliquie von der Stadt Mantua und lädt seitdem zum Blutritt um den Martinsberg ein.