Friede bedeutet Achtung vor der Menschenwürde

Eingeladen hatten zu der Konferenz die angolanische Bischofskonferenz (CEAST) und die Caritas Angola. Ingesamt 15 einheimische Bischöfe nahmen an den Vorträgen und Diskussionen teil, darunter der Apostolische Nuntius in Angola, Novatus Rugambwa, der Erzbischof von Luanda, Kardinal Alexandre do Nascimento, und der Vorsitzende der angolanischen Bischofskonferenz, Gabriel Mbilingi. 16 Referentinnen und Referenten aus Angola, der Republik Kongo, Südafrika, Portugal und Deutschland gestalteten das Programm. Unterstützt wurde der Kongress durch MISEREOR und die Diözese Rottenburg-Stuttgart. Klaus-Jürgen Kauß von der diözesanen Hauptabteilung Weltkirche und Pressesprecher Thomas Broch haben in der Vorbereitung und als Referenten mitgewirkt.

Der schwierige Friede

Dass ein langer Friedens- und Versöhnungsprozess notwendig sei, war für die Kongressteilnehmer unstrittig - im Gegensatz zur Ansicht der Regierungspartei MPLA, die nach zehnjährigem Befreiungskrieg gegen die portugiesische Kolonialherrschaft (1965 – 1975) und nach fast dreißigjährigem Bürgerkrieg (1975 – 2002) seit neun Jahren an der Macht ist. Gegen die Konferenz und die Abschlussresolution legte sie sie Protest ein, obwohl sie Regierungsvertreter zur Teilnahme entsandt hatte. Auch wenn die Waffen heute schweigen, lähme eine „Kultur der Intoleranz“, der kontrollierten Medien und der unterdrückten Meinungsfreiheit das Land, beklagt die Resolution. Das Misstrauen ist überall zu spüren.

Wirklicher Friede setzt aber auch die ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit voraus. Der jahrzehntelange Bürgerkrieg hat viele physische und seelische Wunden hinterlassen. In den Elendsquartieren von Luanda sieht man oft verkrüppelte Menschen, Opfer der ungezählten Landminen, die überall im Boden sind. Die Rückführung der einstigen Kindersoldaten in die Gesellschaft ist ein bedrückendes Problem. Und ein Bischof berichtet, er müsse heute mit Regierungsvertretern verhandeln, die vor Jahren seine Familie ermordet haben. Ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und Bereitschaft zur Vergebung, so schwer sie auch ist – beides war immer wieder zentrale Fragestellung der Konferenz. Friede erfordert das eine wie das andere: Ehrlichkeit und Vergebung. Diese beiden Stichworte markierten auch das Thema eines Vortrags von Thomas Broch, der dies auf der Konferenz in Luanda am Beispiel der deutschen Geschichte am Ende des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs sowie nach dem Ende der DDR darstellte.

Friede und soziale Gerechtigkeit

Friede in Angola bedeutet heute vor allem soziale Gerechtigkeit. Fast die Hälfte der rund 14 Millionen Angolaner lebt in der Hauptstadt Luanda, die früher eine gewisse Sicherheit vor den Kriegsereignissen geboten hat, heute aber ein Dasein in Slums, in Arbeitslosigkeit, mit hohem Krankheitsrisiko und täglichem Stress um die nackte Existenz bedeutet. Die Menschen haben auch Angst, die Elendshütten könnten morgen früh geschleift werden, um ambitionierten Bauprojekten ausländischer Investoren Platz zu machen. Hier wird Entwicklung sichtbar, allerdings kommt sie nicht bei den Armen an, ja sie verschärft deren Existenzbedingungen noch.

Friede bedeutet Achtung vor der Würde jedes einzelnen Menschen. Diese wird bedroht durch korrupte Bereicherung der Regierung und einer ihr nahe stehenden Clique ebenso wie durch den täglichen Wahnsinnsverkehr in Luandas Straßen, der jede Aktivität lähmt und die Lebensqualität minimiert. Sie wird bedroht durch extreme Umweltzerstörung und ebenso durch Polizeischikanen gegenüber den unzähligen Straßenhändlern (wovon sollen die Menschen sonst leben?) sowie durch das Elend in den Flüchtlingslagern auf beiden Seiten der Grenze zwischen Angola und dem Kongo, wo zahllose Menschen zum Spielball in den Verteilungskriegen um die reichhaltigen Bodenschätze werden.

Der Friedensprozess in Angola braucht Räume des offenen Austauschs wie die Konferenz in Luanda. Dass diese überhaupt stattfinden konnte, ist für die Angolaner ein starkes Zeichen der Hoffnung. Der offizielle Regierungsprotest bestätigt dies nur. Sie muss sich in einen kontinuierlichen Friedensprozess hinein fortsetzen. An den Mut zu prophetischer Kraft in der Kirche, bei ihren Amtsträgern und in ihren Gemeinden appelliert die Konferenz-Resolution mit eindeutigen Worten.

Dr. Thomas Broch