Für suchende Menschen eine bewohnbare Kirche gestalten

Bei seiner Neujahrsrede im Anschluss an den Gottesdienst zum Fest der Erscheinung des Herrn im Rottenburger Dom wies Bischof Fürst darauf hin, dass die Sehnsucht der Menschen nach Beheimatung auch in Zeiten des Wohlstand und teilweise erreichter Gerechtigkeit und Freiheit nicht erloschen sei. Bei vielen Menschen wachse die Erfahrung existenzieller Verlorenheit und die Sehnsucht nach Rettung. Wie selten in der Geschichte seien die Menschen auf der Suche nach Sinn. Die gut besuchten Gottesdienst an Weihnachten hätten gezeigt, so der Bischof, dass kirchlich gebundene und ebenso „kirchenferne und kirchenlose“ Menschen in der Weihnachtsliturgie existenzielle religiöse Erfahrungen machten, die durch kein profanes Fest erreicht würden. „Nach einem Jahr der Konstruktion gigantischer Rettungsschirme fiskalischer Art spüren die Menschen, dass Verlorengehen und Verlorensein, dass Rettung erfahren und gerettet werden noch einmal eine tiefere und existentiellere Dimension haben als durch Finanzaktionen all unser Geld zu sichern“, sagte Bischof Fürst.

Für suchende Menschen eine bewohnbare Kirche gestalten

Vor allem anderen ist es nach den Worten des Bischofs Aufgabe der Kirche, in einer lebendigen Verkündigung Gottes Heilsangebot erfahrbar werden zu lassen und den Menschen Beheimatung zu geben. Mit Blick auf den zu Beginn des vergangenen Jahres in der Diözese offiziell eröffneten Dialog- und Erneuerungsprozess betonte er, „Alle Dialoge und Erneuerungsprozesse haben im letzten dieses Ziel: eine Kirche lebendig zu gestalten, die für heimatlos gewordene, suchende Menschen bewohnbar ist.“

Wiedergewinnung des Vertrauens: ehrlicher Umgang mit Vorfällen sexuellen Missbrauchs

Schaden genommen habe die Glaubwürdigkeit der Kirche durch die Aufdeckung von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen auch in der Kirche. Ein erster Schritt zur Wiedergewinnung des Vertrauens sei ein ehrlicher Umgang mit dem, was an Schlimmem geschehen sei. Die Diözese, in der seit 2002 eine unabhängige Kommission allen entsprechenden Vorwürfen nachgeht, hat nach den Worten von Bischof Fürst im vergangenen Jahr alle ihr bekannten Opfer angeschrieben und sie eingeladen, eine finanzielle Zuwendung in Anerkennung erlittenen Leides anzunehmen. Die Täter seien, sofern sie noch am Leben seien, zur Rechenschaft gezogen, aus der pastoralen Arbeit entfernt und bestraft worden. Man müsse allerdings auch das Tabu in der öffentlichen Diskussion aufbrechen, dass der überwiegende Teil der Betroffenen mitten in der Gesellschaft Opfer von sexuellem Missbrauchs werde. Die Zahlen seien erschütternd, so Bischof Fürst.

Dialog- und Erneuerungsprozess: schon das offene Gespräch hat seinen Eigenwert

In der Diskussion um den sexuellen Missbrauch seien auch Themen wieder in den Blick gekommen, die in der Kirche schon lange umstritten seien, sagte der Bischof. Die Diözesanleitung und er selbst hätten sich seit dem vergangenen Frühjahr ausführlich einer „Zeit des Hörens“ gewidmet und zahlreiche intensive Gespräche auf Dekanatstagen, mit Vertretern von Berufsgruppen sowie mit Reforminitiativen geführt. Auch das Gespräch mit Jugendlichen habe einen wichtigen Stellenwert. Bei diesem Dialog, bei dem keine Fragen von vorneherein ausgeschlossen seien, kämen sehr unterschiedliche Stimmen und Positionen zur Sprache, die oft schwer mit einander in Einklang zu bringen seien. Es gehe darum, dass Verständnis und Respekt vor einander wachsen und in der Vielfalt der Überzeugungen die Einheit im Glauben gelebt werde. Schon das offene Gespräch mit einander habe seinen Eigenwert.

Erste Ergebnisse: Projekt Gemeindepastoral – mehr Frauen in Verantwortungspositionen

Eine „erste Frucht des Dialog- und Erneuerungsprozesses“ ist nach den Worten von Bischof Fürst das „Projekt Gemeindepastoral“, durch das die Weiterentwicklung der Strukturen und Schwerpunkte der Seelsorge in der Diözese vorangebracht werden soll. Ein weiteres Projekt sei es, mehr Frauen in kirchliche Verantwortungspositionen zu bringen. Manche Fragen, die vielen am Herzen lägen, könnten nicht auf der Ebene der Diözese entschieden werden, sagte der Bischof. Er werde sie aber in die Beratungen der Deutschen Bischofskonferenz einbringen. Er bitte darum, ihm zu vertrauen, dass er das ihm Mögliche tue, um etwa im Umgang mit wieder verheirateten Geschiedenen und mit konfessionsverschiedenen Ehen Regelungen zu erarbeiten, die von größerer Barmherzigkeit geprägt seien als bisher.

Erfreut zeigte sich der Bischof, dass sich im Jahr 2012 neben acht Pastoralreferentinnen und –referenten und 12 Gemeindereferentinnen und –referenten, die neu eingestellt werden, zehn junge Theologen im Rottenburger Priesterseminar auf die Priesterweihe im nächsten Jahr vorbereiten.

Gesellschaftliche Verantwortung: eine schöpfungsfreundliche Kirche

Dialog und Glaubensverkündigung der Kirche nach innen seien kein Selbstzweck, betonte der Bischof, sondern müssten sich in der Verantwortung für die Mitgestaltung der Gesellschaft in Deutschland, Europa und weltweit bewähren. Gerade in einer von Krisen geschüttelten Zeit müssten das auf Gesellschaft und Kultur ausgerichtete Engagement der Kirchen und die Kraft zur Mitgestaltung gestärkt werden. Die Kirche müsse in der säkularen Welt dialogfähig sein, und diese müsse sich einen „Sinn für die Artikulationskraft religiöser Sprache“ bewahren, sagte Bischof Fürst mit Verweis auf den Philosophen Jürgen Habermas. In besonderer Weise wies der Bischof auf die Verantwortung einer „schöpfungsfreundlichen Kirche“ hin, denn neben der Finanzkrise sei die weltweite ökologische Krise die größte Herausforderung, in der Christen auf Grund ihres Schöpfungsglaubens eine besondere Verantwortung trügen. Er habe daher 2007 für die Diözese Rottenburg-Stuttgart eine interdisziplinäre Klima-Initiative ins Leben gerufen, in die beträchtliche Finanzmittel investiert würden und die zu ihrer bevorstehenden Fünf-Jahres-Bilanz nennenswerte Wirkungen vorweisen könne. So sei bislang allein durch die in den Kirchengemeinden geförderten Maßnahmen der Ausstoß von Kohlendioxid um über 12.000 t im Jahr verringert worden.

„Ökologie des Menschen“: Schutz des menschlichen Lebens von Anfang an

Es gebe aber auch eine „Ökologie des Menschen“, zitierte Bischof Fürst die Reichstagsrede von Papst Benedikt XVI. Eine schöpfungsfreundliche Kirche müsse sorgsam auf den Umgang mit dem Geschöpf Mensch etwa in den Biowissenschaften achten und dafür eintreten, dass menschliches Leben vom Anfang bis zum Ende geschützt werde. Der Bischof begrüßte ausdrücklich das Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom Oktober 2011 als „Sternstunde und Wendepunkt“ hin zu einem stärkeren Schutz embryonaler Menschen, die Träger von Menschenwürde seien. Dieses hatte die Patentierung embryonaler Stammzellen im Hinblick auf therapeutische Verfahren verboten. Der Traum von therapeutischen Verfahren mit embryonalen Stammzellen sei geplatzt, sagte Bischof Fürst. Die „Ökologie des Menschen“ fordert nach seinen Worten „einen intensiven Einsatz für den umfassenden Schutz des menschlichen Lebens von allem Anfang an. Christen können gar nicht anders als hier ihre Stimme zu erhaben gegenüber Praktiken, die Schwächsten und Schutzlosesten unter den Menschen tödliche Gewalt antun und Sein und Werden des Menschen dem Menschen unterwerfen.“

Dem gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen mehr Raum geben

Grußwort von Diözesanrats-Sprecher Johannes Warmbrunn

Als vorrangige Herausforderung für die Kirche bezeichnete in einem Grußwort der Sprecher des Diözesanrats, Johannes Warmbrunn, die Vermittlung des Glaubens. Entschiedener als bisher müsse man der landläufigen Sichtweise entgegen treten, das Wesen der Kirche bestehe in Strukturen, Traditionen und Ritualen. Der Glaube an die bleibende Gegenwart Gottes trete viel zu sehr in den Hintergrund. Die Menschen, die unvermindert nach dem tiefen Sinn des Daseins suchten, ließen sich „nicht mit Formeln und Stereotypien abspeisen“, sondern wollten „eine klare Ansage über den Sinn ihres Daseins und über das, was gut und richtig ist“, betonte Warmbrunn.

Der Glaube, so Warmbrunn, mache frei, das sei in allen Lebensbereichen von alltagspraktischer Bedeutung. Deshalb stünden totalitäre Strukturen, die die Menschen in ihren Entfaltungsmöglichkeiten hemmen, niemals mit christlichen Werten in Einklang. Hier seien Freiheiten wieder herzustellen und äußere und innere Begrenzungen zu beseitigen. Aber auch ein zügelloser Liberalismus, der hemmungslos Starke begünstige und Schwache benachteilige, könne sich nicht auf Christus berufen. Eigentliche Freiheit lebe Christus in seiner Botschaft der Nächstenliebe vor, sagte Warmbrunn.

Trotz der Vielfalt oft konträrer Meinungen und Emotionen bestätigte Warmbrunn dem Dialogprozess eine erfreuliche Entwicklung. Beim Dialog gehe es nicht nur um Wissen und Begreifen, sondern um eine teilnehmende Haltung, um authentisches Wahrnehmen von Empfindungen und Gefühlen.

Als Desiderate formulierte der Sprecher des Diözesanrats eine neue Sprache und gute Wege für Vermittlung und Feier des Glaubens. Bedrückend sei der Rückgang des Gottesdienstbesuchs insgesamt. „Wenn es nicht gelingt, die Menschen in den und durch unsere Gottesdienste zu erreichen, bleibt ein wesentlicher Auftrag unserer Kirchen auf der Strecke“, betonte Warmbrunn. In diesem Anliegen wisse er sich auch den evangelischen Kirchen verbunden, bei denen er sich für konstruktives Miteinander bedankte.

In den Dialog- und Erneuerungsprozess muss nach den Worten Warmbrunns verstärkt der Gedanke des gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen eingebracht werden. Diesem sei bislang zu wenig Gestaltungsspielraum eingeräumt worden. Dabei gehe es nicht um zusätzliche Belastungen der bereits vielfältig Engagierten. Vielmehr sei es eine besondere Herausforderung, Frauen und Männer mit kreativen Begabungen, die nicht mehr zur Kirche kommen und gleichwohl zum gemeinsamen Priestertum berufen und befähigt seien, wieder zu gewinnen. Es gehe darum, in den jetzt schon vielfältig vorhandenen Formen den Glauben zu verkünden und Gottesdienst zu feiern, offen für Neues zu sein und vor Änderungen keine Angst zu haben, betonte Warmbrunn.

Dr. Thomas Broch