Für Werte kämpfen, die die Grenze zwischen Kultur und Chaos markieren

Ebenso aber seien nicht Argwohn und Misstrauen angezeigt, sondern „die ausgestreckte Hand des Gesprächs, um im Namen Gottes gemeinsam die Wege des Friedens zu gehen“.

Der 11. September gehöre zu den historischen Augenblicken, nach denen die Welt nicht mehr so sei, wie sie vorher war. Er ziehe sich wie ein gewaltiger Riss durch die Geschichte und habe vor Augen geführt, wie gefährdet Leben und Sicherheit zu allen Zeiten seien und wie die Monumente von Fortschritt und Macht buchstäblich in einem Augenblick in sich zusammen stürzen könnten, sagte Bischof Fürst. „Ground Zero“, der Ruinenabgrund in New York, stehe seither für eine tiefe Sinnkrise, die alles erfassen könne, was bis dahin als unverwundbar erschienen sei. Allerdings, so der Bischof, lösten weder Strategien des Kriegs noch perfektionierte Sicherheitsvorkehrungen diese Sinnkrise auf. „Krieg als Antwort auf den Terror schafft nur neues Leid. Und die Schmälerung bürgerlicher Freiheitsrechte spielt denen in die Hände, die zum Angriff auf die Gesellschaften geblasen haben, deren Grundlage Menschenrechte und Freiheit sind.“

Er wehre sich entschieden gegen jeden Versuch, Unmenschlichkeit mit religiösen Motiven zu begründen, betonte Bischof Fürst. Politischer und weltanschaulicher Fanatismus könne sich mit religiöser Verblendung aufladen und zu furchtbaren Taten führen. Die Geschichte der Religionen biete dafür viele Beispiele. Aber kein religiöses Motiv könne eine Begründung dafür zu geben, unschuldige Menschen zu töten. Er wende sich auch dagegen, sagte der Bischof, Menschen wegen ihres religiösen Bekenntnisses von vorne herein mit Argwohn zu begegnen. Das gelte vor allem in Hinsicht auf die Muslime. Man tue damit den Menschen bitter Unrecht, die nach den Geboten ihrer Religion ein rechtschaffenes Leben zu führen versuchten. Das hätten ihm viele Gespräche mit Muslimen deutlich gemacht.

Verbrechen wie der des 11. September lassen sich nach den Worten des Bischofs durch nichts begründen oder erklären. Sie ließen vielmehr einen Abgrund des unfassbar Bösen erkennen, zu dem Menschen fähig seien und die die Freiheit zum Guten immer wieder gefangen nehme. Entsprechend einem Wort des Apostels Paulus gehe es immer darum, das Böse durch das Gute zu überwinden. Das bedeute, für die Werte zu kämpfen, die die Grenze zwischen Kultur und Chaos markierten. Bischof Fürst wörtlich: „Dieser Weg heißt, das Leben, die Würde und die Freiheit jedes Menschen als höchstes Gut zu achten, das durch nichts in Frage gestellt werden darf. Er heißt: Respekt vor dem Denken und Glauben anderer. Er heißt: die Versöhnung hat immer Vorrang vor der Vergeltung.“ Letztlich gehe es darum, dem Willen Gottes Raum zu geben.

Dr. Thomas Broch