„Gang in tiefe Nacht der Menschheit“

Rottenburg/Mulfingen. 9. Mai 2014. Mit einem Gottesdienst im hohenlohischen Mulfingen hat Bischof Gebhard Fürst der vor 70 Jahren von dort deportierten Sinti-Kinder gedacht. Die Deportationen seien „der Gang in die tiefe Nacht der Menschheit, in die Jesus selbst vorangegangen ist“, sagte Bischof Fürst am Freitagabend (9. Mai) in Mulfingen bei einem Gottesdienst zum Holocaust-Gedenktag.

Die Nationalsozialisten ließen am 9. Mai 1944 aus der von Untermarchtaler Schwestern betreuten Mulfinger St. Josefspflege 33 Kinder aus Sinti-Familien deportieren. Vom Bahnhof Crailsheim wurden nach Forschungen des Rottenburger Diözesanhistorikers Stephan Janker schließlich insgesamt 40 Sinti, eine Schwangere und 39 Kinder, in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Der Transport traf am 12. Mai 1944 in Auschwitz ein. Nur vier Kinder überlebten.

„Wie können wir weinen, wenn uns der Schmerz angesichts des Leids die Luft zum Atmen nimmt?“, fragte der Bischof in seiner Predigt. Auf die Frage, wo Gott im Holocaust gewesen sei, antwortete er: „Jesus selbst weint mit den Weinenden.“ Diese Gewissheit sei für ihn die einzige Möglichkeit, so der Bischof, das Leiden der 39 Kinder und von Millionen ermordeter Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus zu begreifen. Er mahnte zur Erinnerung. „Im Erinnern wissen wir, wohin unser Wegsehen, aber auch unser Hinsehen führen kann.“

Nach den dem Diözesanhistoriker Janker vorliegenden Quellen war der 9. Mai 1944 für den damaligen katholischen Pfarrer Mulfingens der „schwärzeste Tag“ im Leben der St. Josefspflege. „Ein Verbrechen, das an unschuldigen Kindern verübt wurde, das wahrlich zum Himmel um Rache schreit“, heißt es in der Pfarrchronik. Janker konnte anhand von Archivmaterialien nachweisen, dass die Untermarchtaler Schwestern keine aktive Rolle bei der Deportation übernahmen. „Sie begleiteten die Kinder aus Fürsorgepflicht bis Crailsheim, sie waren selber Opfer des NS-Regimes.“

In einem von Janker ausgewerteten Brief schreibt die Oberin an eine Mutter: „Auf unsere Bitte hin durften Fräulein Lehrerin und ich die Kinder begleiten bis Crailsheim. Von hier bis Künzelsau ging die Fahrt mit dem Postauto, in Künzelsau mussten wir in den abgedunkelten, abgesperrten Gefängniswagen einsteigen. In Crailsheim wurden noch eine Frau und mehrere Kinder dazugeladen. Nochmals munterten wir die großen Kinder auf, für die Kleinen besorgt zu sein, wieder herzzerreißendes Weinen und Wehklagen - , wir zwei mussten den Zug verlassen und sehen, wie wir über Geleise und Schienen wieder auf einem Wege uns zurecht fanden.“

Mit weiteren Dokumenten zeigt der promovierte Historiker Janker, wie willkürlich das NS-Regime mit kirchlichen Fürsorgeanstalten umsprang. Die Josefspflege war durch den württembergischen NS-Heimerlass von 1938 zur ausschließlichen Aufnahme von schulpflichtigen Kindern der Kategorie V - „Zigeuner und Zigeunerähnliche“ - bestimmt worden. Über die rassische und eugenische Selektion der Heimkinder entschied und wachte Landesjugendarzt Dr. Max Eyrich.

Für Janker ist unstrittig, dass Pfarrer und Schwestern unter dem Zwang des Regimes praktisch keine Handlungsalternativen hatten. Als ihnen bekannt wurde, wer von den Kindern für die Deportation ausgesucht worden war, entschlossen sie sich, noch acht der Kinder auf den Empfang der Erstkommunion vorzubereiten. Dies gelang ihnen nur, wie die Oberin an anderer Stelle mitteilte, weil „der Transportwagen … einige Tage später eingelaufen [ist] als angesagt war“.

Auf Basis von ihm gefundener Reisekostenrechnungen der Kriminalpolizei Stuttgart kann Janker die Verantwortlichen der Deportation namentlich nennen. Nach einer ersten Abrechnung reiste am 9. Mai 1944 der Leiter der „Dienstelle für Zigeunerfragen“ bei der Kriminalpolizeileitstelle Stuttgart, Adolf Scheufele, nach Crailsheim, um die Abwicklung der Deportation zu überwachen. Nachdem der Deportationszug Crailsheim um 18:44 Uhr verlassen hatte, kehrte Scheufele nach Stuttgart zurück. Eine zweite Abrechnung beweist eine „auf Anordnung des Reichssicherheitshauptamts Berlin (RSHA) nach Auschwitz ausgeführte Dienstreise“ der Kriminalassistentin Kienzle aus Esslingen von 9. bis 15. Mai 1944. Als Zweck der Reise gibt Kienzle an: „Transport von Zigeunerkindern mit mehreren Begleitern“.

Uwe Renz