GEA-Interview mit Bischof Gebhard Fürst

GEA: Herr Bischof, auf dem Weltjugendtag haben Hunderttausende Jugendliche ein buntes Glaubensfest gefeiert. Was haben Sie angesichts der Bilder voller Lebenslust empfunden?

Gebhard Fürst: Ich war wirklich überrascht, dass ein katholisches Großereignis bei jungen Leuten eine solch unglaubliche Resonanz haben kann. Die Freude aneinander und an der Vielfalt der Kulturen war beeindruckend. Mit ausschlaggebend für das Gelingen war ganz sicher die enorme Attraktivität unseres Papstes Benedikt XVI.

GEA: Hand aufs Herz ­ haben Sie damit gerechnet, dass ein nicht unumstrittener Kardinal Ratzinger als Papst Benedikt so gut ankommt?

Fürst: Nein, das habe ich nicht. Als er Vorsitzender der Glaubenskongregation war, haben bereits viele seine Redekunst bewundert. Trotzdem habe ich nicht gedacht, dass er in diese Rolle als Papst hineinwächst. Prägend hat sich dabei ganz gewiss die charismatische Stärke seines Vorgängers ausgewirkt. Ein Teilnehmer des Weltjugendtags hat das in einem Gespräch auf den Punkt gebracht: Johannes Paul II. hat unsere Herzen geöffnet, und Benedikt XVI. spricht orientierende Worte in diese geöffneten Herzen hinein.

GEA: Die Jugendlichen nehmen es allerdings mit den katholischen Glaubensregeln nicht ganz so genau. Tut das der Kirche gut oder macht Ihnen das Sorgen?

Fürst: Der jugendliche Überschwung tut uns auf jeden Fall sehr gut. In Sydney wurde ausgelassen gefeiert, ohne dass es zu irgendwelchen Exzessen kam. Die Teilnehmer des Weltjugendtags haben bewiesen, dass sie Lebensstil haben. Dennoch kann man wohl davon ausgehen, dass sie es mit mancher katholischen Glaubensregel nicht so genau nehmen. Auswüchse im sexuellen Bereich sollten natürlich nicht vorkommen. Aber wir dürfen nicht oberlehrerhaft werden. Weg mit dem erhobenen Zeigefinger! Schließlich ist nicht gleich die ganze Welt verloren, wenn es da und dort nicht so läuft, wie die Kirche sich das vorstellt.

GEA: Sydney hat das Bild einer jungen Kirche gemalt. Warum sieht sie im deutschen Alltag so alt aus?

Fürst: Wir tun uns sehr schwer, mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Vielleicht sind wir einfach zu verschämt. Zum Beispiel glauben wir nicht mehr daran, unsere Vorstellungen zur Sexualmoral in der passenden Sprache vermitteln zu können. Ich bin mir aber sicher, dass das ganz gut funktionieren würde ­ zumindest traue ich mir selbst das zu.

GEA: Wie würden Sie einem Jugendlichen erklären, dass er keinen Sex vor der Ehe haben soll?

Fürst: Ich würde ihm sagen, dass die Sexualität wie alle anderen großen Antriebe im Menschen einer Kultur bedarf. Ich würde ihn vor sofortiger Bedürfnisbefriedigung warnen, weil sie nicht der Anlage des Menschen entspricht. Wenn junge Männer Frauen als Sexualobjekt benutzen, dann ist das eine Instrumentalisierung, die die Menschenwürde verletzt.

GEA: Sie haben von den Jungs gesprochen. Was würden Sie denn einem Mädchen sagen?

Fürst: Lass dich nicht gebrauchen, würde ich zu ihr sagen. Lass dich nicht missbrauchen! Schau genau hin, ob dein Freund dich umfassend liebt oder ob er nur sein Lüstchen an dir kühlen will.

GEA: Der Mann begehrt, die Frau gewährt ­ sind das nicht sehr traditionelle Rollenbilder?

Fürst: Ich finde den Medien, in Fernsehfilmen etwa, genau dieses Rollenbild immer wieder bestätigt. Auch wenn ich selbst eine völlig andere Haltung zu den Geschlechterverhältnissen habe, sind meine Ohren nicht taub. Der Sprachjargon vieler junger Männer, den ich wahrnehme, ist oft ziemlich aggressiv und er macht Mädchen zu Objekten.

GEA: Als deutscher Medienbischof sitzen sie an den Schalthebeln der Kommunikation. Wie würden Sie das Image der Kirche beschreiben?

Fürst: Schalthebel habe ich nicht in der Hand ­ ich kann höchstens durch gute Argumente andere davon überzeugen, dass wir dringend etwas tun müssen. Denn die Gesellschaft ist religiöser geworden, aber zugleich auch kirchenfeindlicher. Wir haben ein Image, das Lichtjahre von der Qualität unseres Angebots entfernt ist. Wenn man an Kirche denkt, dann denkt man an Moral, Kondome und dicke Staubschichten über einer erstarrten \-Hierarchie. Was wir im sozialen Bereich und kulturell leisten, nehmen leider die wenigstens zur Kenntnis.

GEA: Was muss die Kirche ändern, damit sie positiver wahrgenommen wird?

Fürst: Wir hatten nach dem zweiten Vatikanischen Konzil eine zu rationalistische Phase. Die Wertschätzung des religiösen Erlebnisses kam zu kurz. Das hat sich jetzt geändert ­ wie der Weltjugendtag zeigt. Nur müssen wir diese Botschaft auch in die Öffentlichkeit transportieren. Medienarbeit muss zu einem zentralen Auftrag unseres Kirche-Seins werden. Deswegen bin ich der Meinung, dass wir ein Programm im Digital-Fernsehen anbieten und im Internet viel, viel stärker werden müssen.

GEA: Wie viele Katholiken ihres Bistums zählen noch zu den aktiven Gläubigen?

Fürst: Laut unserer Statistik besuchen 12,5 Prozent regelmäßig den Gottesdienst. Dass aber viel mehr Gläubige Zugang zur Kirche suchen, zeigen die vollen Gotteshäuser an Weihnachten. Sie können dort eben etwas bekommen, was sie unterm Tannenbaum oder gar in der Disko vergeblich suchen.

GEA: Was ist ihre Prognose ­ wie sieht die Kirche des Jahres 2025 aus?

Fürst: Wir haben eine Chance zu gewinnen, auch wenn wir zahlenmäßig verlieren. Voraussetzung ist, dass die innere Überzeugung der Katholiken, ihr Selbstbewusstsein und ihr Gefühl für Zusammengehörigkeit zunimmt. Auf keinen Fall darf sich die Kirche in eine abgeschottete Sonderwelt zurückziehen. Das beste Gegenmittel ist, sich an das Politische, die Gestaltungskraft des Christentums, zu erinnern. Das Erlebnis Weltjugendtag war grandios, nur würde ich den Jugendlichen gerne zurufen: Das religiöse Gefühl ist sehr wichtig, aber wir dürfen uns nicht allein darum kümmern. Der Prüfstand für \-unsere Beziehung zu Gott ist das, was wir in der Welt für unsere Nächsten bewirken. (GEA)