Corona

Gehörlosenseelsorge im Zeichen von Corona

Diakon Herbert Baumgarten. Foto: Bild: Zeitschrift "Auge und Ohr"

Diakon Herbert Baumgarten. Foto: Bild: Zeitschrift "Auge und Ohr"

Herbert Baumgarten, Seelsorger bei Menschen mit Hörbehinderungen, berichtet von seiner Arbeit mit Gehörlosen in den letzten Monaten.

Gottesdienste und Vereinstreffen, Pilgerfahrten und Ausflüge, religiöse Bildung und Begegnung, inklusive und exklusive Angebote, Nähe und Kontakt; und das alles in der Sprache der Hände, der Gebärdensprache. Das sind wesentliche Elemente der Seelsorge bei gehörlosen Menschen. Doch in Zeiten von Lockdown und Kontaktbeschränkungen, von Abstand und Masken scheint all dies nicht mehr möglich. Oder doch? Aber ja! Wenigstens teilweise. Und eben anders.

Unser monatlicher Gehörlosengottesdienst in der Kapelle einer Einrichtung kann dort zurzeit nicht stattfinden. Also suche ich andere Kirchen. Und mein erstes Hoffnungszeichen: viele hilfsbereite und offene Mesner*innen und Pfarrer*innen öffnen ihre Türen (ja, auch Pfarrer*innen. Ökumene wird großgeschrieben und katholische Gottesdienste können dann auch in der evangelischen Kirche gefeiert werden).

Trotz Entfernung täglich miteinander verbunden

Und neue Formate werden gefunden und erdacht. Von März bis Juli 2020 war ich täglich in einer anderen Kirche meiner Region unterwegs und hab ein 5-Minuten-Video aufgenommen mit geistlichen Gedanken. Dieses wurde auf den bekannten Social-Media-Kanälen kommuniziert. So waren wir trotz Entfernungen täglich miteinander verbunden. Seit Sommer kommen die Sonntagsvideos von Diakon Peter Hepp. Die Rückmeldungen zeigen, dass diese Verbindungen wichtig sind.

Livestreams in Gebärdensprache übersetzt

„Noch nie wurde die Kirche so schnell digital“, bekam ich vor einiger Zeit zu hören. Und das kommt in besonderem Maße auch gehörlosen Menschen zugute. Mehr und mehr Gottesdienste werden untertitelt. Auch in unserer Diözese hat der Livestream von Gottesdiensten aus dem Dom und St. Eberhard in Stuttgart Einzug gehalten. Mit der „Stabsstelle Medien und Kommunikation“ wurde vereinbart, welche dieser Gottesdienste von uns Seelsorger*innen in Gebärdensprache übersetzt werden. Dazu kommen die Botschaften von Bischof Gebhard.

Besucher wurden digitaler und zugleich persönlicher

Auch die sonst wichtigen und jetzt nicht möglichen Besuche in den Gehörlosenvereinen sind anders geworden: digitaler und persönlicher. Digitaler: Jüngere und zunehmend auch ältere Gehörlose sind oft wie selbstverständlich in den Sozialen Medien unterwegs. So sitze ich oft einen Vormittag am Handy und am Computer und schreibe und gebärde in den Bildschirm. Persönlicher: Mangelnde Möglichkeiten, sich zu treffen machen auf Dauer einsam. Persönliche Besuche und gebärdete Kommunikation bei offenem Fenster, auf der Terrasse, oder in langen Spaziergängen sind deshalb umso wichtiger.

Hoffnungszeichen sind darüber hinaus auch all die Menschen, die trotz Maskenpflicht die besondere Art der Kommunikation Gehörloser berücksichtigen: Mundbild und Mimik sind ein unverwechselbarer Teil der Gebärdensprache. Mit Vernunft und genügend Abstand ist auch dort Kommunikation möglich.

Diese schwierige Zeit birgt große Herausforderungen. Sich ihnen zu stellen, das ist auch die Aufgabe von uns Gehörlosenseelsorger*innen. Mein ganz persönliches Hoffnungszeichen ist die Zusage Jesu: „Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20).

Diakon Herbert Baumgarten

Seelsorger bei Menschen mit Hörbehinderungen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Der Artikel ist entnommen aus dem Heft „Auge und Ohr“, der Zeitschrift des Rates der Ständigen Diakone in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Rottenburg, 2021. Das ganze Heft ist kostenlos zu beziehen unter expedition-drs.de.

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