Gerhard Neudecker zum Dompräbendar ernannt

Aufgewachsen ist Gerhard Neudecker (42) in Geislingen im Zollernablkreis. Nach dem Studium in Tübingen und Würzburg arbeitete er als Diakon in Aalen-Wasseralfingen und als Vikar in Riedlingen. Nach dem Weggang des dortigen Pfarrers überbrückte er die Vakanzzeit und wurde anschließend selbst mit der Leitung der Kirchengemeinde und Seelsorgeeinheit Riedlingen betraut, die er neun Jahre lang innehatte. Daneben fand er noch Zeit sich im Diözesan- und Priesterrat zu engagieren, vor allem im Satzungsausschuss, der mit der Novellierung der diözesanen Kirchengemeindeordnung befasst war. 2003 wurde Neudecker zu einem kirchenrechtlichen Aufbaustudium in Münster freigestellt, das er mit einer Arbeit über die Stellung der Nichtchristen in der kirchlichen Rechtsordnung abgeschlossen hat. Neben seiner Tätigkeit als Diözesanrichter und als stellvertretender Leiter der bischöflichen Gerichtsverwaltung arbeitet Neudecker in Tübingen an einer Doktorarbeit.

Für Neudecker ist seine Tätigkeit als Vizeoffizial kein Abbruch seines bisherigen an der Seelsorge orientierten Wirkens. Das Verfahren zur rechtlichen Beurteilung einer Ehe, die den Hauptteil der kirchlichen Gerichtstätigkeit ausmachen, beurteilt Neudecker so: „Ob eine Ehe gültig ist oder nicht, ist keine Frage der Pastoral, sondern richtet sich nach der Rechtslage“. Dennoch ist es ihm auch ein pastorales Anliegen, denen, die nur dem Schein nach durch eine gültige Ehe gebunden sind, den Zugang zum vollen sakramentalen Leben zu ermöglichen. Andererseits wird nach Meinung des Kirchenrechtlers bei einer vorschnellen Nichtigerklärung mit pastoralen Spätfolgen das Sakrament der Ehe selbst entwertet. Nicht selten hält auch der Partner, der nicht den Antrag gestellt hat, an der Ehe fest. Auch diesem Partner ist die Seelsorge verpflichtet. Zur Wahrheitsfindung dienen die Indizien und Beweise und die objektiven Maßstäbe, wie sie das kirchliche Gesetzbuch, der Codex Iuris Canonici, regelt

Eine pastorale Chance sieht der Vizeoffizial auch in der Eigenart der kirchlichen Verfahren, die sich anders als staatliche nicht damit begnügen, die Zerrüttung festzustellen und die Scheidungsfolgen zu regeln. „Vor dem kirchlichen Ehegericht haben die Paare die Chance ihre Ehe aufzuarbeiten, ohne dass es um Unterhalt oder die Kinder geht. Die Eheleute können die Motive und Vorstellungen vor und bei der Eheschließung beleuchten. Und oft genug liegt gerade in dem, was die Ehe ungültig macht, auch der Keim für das spätere Scheitern“, sagt Neudecker. Wer etwa zum Zeitpunkt der Eheschließung die Ehe nur für einen begrenzten Zeitraum eingehen oder auch andere Partner haben wolle, der schließt nicht nur wesentliche Merkmale der christlichen Ehe willentlich aus. Er bindet sich zugleich nur mit einem Vorbehalt an seinen Partner. Zu erkennen, dass womöglich nicht einer der beiden Partner, sondern dieser Vorbehalt schuld am Zerbrechen der Ehe sei, ist nach Einschätzung des Vizeoffizials für viele eine Chance. Sie können sich mit dem Gewesenen zu versöhnen und zugleich einen Erfahrungszuwachs für eine eventuelle erneute Verbindung gewinnen.

So ermutigt Gerhard Neudecker die vom Scheitern einer Ehe Betroffenen zu einem Gespräch mit den Mitarbeitern des Bischöflichen Gerichts. Ihm selbst hilft, wenn er bei seiner Arbeit so viel Menschliches und Allzumenschliches zu hören bekommt, die Verwurzelung in der Kirche und das Auftanken in der Eucharistie und im Gebet.