Gesellschaftliche Wertigkeit sozialer Arbeit neu austarieren

Bei einem Festakt zur Übergabe der Diplom-Urkunden an die Absolventen der Dualen Hochschule Stuttgart im Neuen Schloss der Landeshauptstadt analysierte die promovierte Sozialwissenschaftlerin und Pädagogin kritisch, dass einer „Fürsorgeprofession“ in Zeiten nicht wirklich Verständnis entgegen gebracht werde, in denen Selbstverwirklichung vergöttert werde und die massive Erwartung bestehe, dass jeder selbst seines Glückes Schmid sei.

Stetter-Karp wies auf die Verbundenheit von Diözese und Caritasverband mit der Stuttgarter Dualen Hochschule hin, die nicht zuletzt auf die gemeinsam durchgeführte Untersuchung zur Familienarmut in Baden-Württemberg zurück gehe, die im Sommer 2009 veröffentlicht worden ist. Während im offiziellen politischen Vokabular viel von „Inklusion“ und „Exklusion“ die Rede sei und die UN-Behindertenrechtskonvention ein Recht der betroffenen Menschen auf Teilhabe verbindlich formuliert habe, sei die gesellschaftliche Realität ernüchternd. Noch nie habe es in Deutschland so viele Ausgeschlossene gegeben wie heute. So sei auch das Thema Armut bis vor wenigen Monaten in Baden-Württemberg nicht salonfähig gewesen. Die baden-württembergischen Diözesen und Caritasverbände hätten daher nach jahrelangen Bemühungen selbst die Initiative zu einer Armutsuntersuchung ergriffen.

Neben dieser Problematik identifizierte Irme Stetter-Karp ein zweites Spannungsfeld, vor dessen Herausforderungen sich Soziale Arbeit zunehmend bewähren müsse. Es handle sich dabei um die Spannung zwischen Ökonomie und Ethik. Die Chancen sozialer Einrichtungen, sich im Wettbewerb zu behaupten, würden künftig zunehmend dadurch bestimmt sein, welche „ethische Prägnanz“ sie aufweisen können. Dabei werde eine hohe ethische Kompetenz der Mitarbeitenden verlangt, doch dürfe die Verantwortung der Ethik angesichts des Diktats der Ökonomie nicht ausschließlich auf die Mitarbeitenden abgeschoben werden. Vor allem sei dies auch eine Frage der unternehmerischen Verantwortung und einer entsprechenden Ausgestaltung der Organisation und der Personalentwicklung.

Die aktuellen gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, verbunden mit einem wachsenden Fachkräftemangel, lasse den Druck auf die Mitarbeitenden im Sozialbereich immer mehr wachsen. Nicht zuletzt sei die zunehmende Zahl prekärer Arbeitsverhältnisse Grund zu ernster Sorge. Sie sehe bislang keine Bewegung, die den Wert sozialer Arbeit neu austariere, und frage sich hin und wieder: „Sind wir wirklich über die Rolle als ‚Flickschuster der Nation’ hinausgekommen?“ Kein Hehl mache sie aus ihrer Überzeugung: „Wären mehrheitlich Männer in diesen Berufen, sähe es mit der gesellschaftlichen Wertigkeit anders aus.“

Dr. Thomas Broch