Gestaltungsmacht als Auftrag zum Dienen

Ein Christ übernehme in seinem Leben das, worum es Jesus von Nazareth gegangen sei, so Bischof Fürst. Das heiße in erster Linie, zu suchen und zu retten. "Dieses Rettungsmotiv zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben Jesu und durch das Evangelium Jesu Christi." Es lasse sich zusammenfassen in der frohen Botschaft: "Gott rettet. Der rettende Gott wird für uns in Jesus Christus Mensch, Menschenleben mit Haut und Haar für uns." Das sei ihm vor Augen gestanden, als er sich vor zehn Jahren ein Wort aus dem Glaubensbekenntnis als Wahlspruch gegeben habe: "Propter nostram salutem – um unseres Heiles willen." Dies, so Bischof Fürst, sei "die Antwort auf die Suche der Menschen, die oft aus unheilvollen Situationen ihres Lebens gerettet werden wollen." Dies sei eine gemeinsame Aufgabe aller Christen und der Kirche als ganzer. Christenmenschen müssten immer neu suchen, wie sie die Liebe Gottes zu den Menschen am besten verwirklichen könnten. "Als eine pilgernde Kirche sind wir damit nie fertig, nicht vollkommen", betonte Bischof Fürst; "wir bleiben zurück hinter dem, wozu wir berufen sind, aber wir bleiben – mit Gottes Hilfe auf dem Weg, der uns gewiesen ist."

Das Amt des Bischofs bedürfe der Gestaltungskraft und damit auch einer Gestaltungsmacht, die dies ermögliche, fuhr Fürst fort. Dies bringe auch die Gefahr mit sich, diese Gestaltungsmöglichkeiten für sich selbst zu auszunutzen und gegen die Menschen zu wenden. Es müsse immer deutlich bleiben, dass Macht dazu verliehen sei, um den wirksamen Dienst für die Menschen garantieren zu können. Das heiße: gegen Kräfte anzugehen, die gegen die Menschen arbeiten, Schwache zu schützen, ungerechte Vorgänge zu verändern und bedrückende Strukturen umzuformen. Das bedeute für ihn auch, sein Bischofsamt in einem Leitungsstil auszuüben, der ihn den anderen Diensten nicht gegenüber stelle, sondern für die Mitarbeit und die Kompetenzen aller offen sein lasse. Im Bewusstsein der Gefahren der Macht habe er in seinen Bischofsstab, das Zeichen der Leitung, die Mahnung eingravieren lassen: Bedenke, dass du Staub bist.

Als einen brüderlichen Begleiter hat der evangelische Landesbischof Frank Otfried July seinen katholischen Amtsbruder in einem Grußwort am Ende des Gottesdienstes gewürdigt. Nach einer Zeitspanne von zehn Jahren sehe vieles anders aus, als man es sich zu Beginn vorgestellt habe. Oft genug bestimmten das völlig Unerwartete Leben und Wirklichkeit der Menschen und ihrer Institutionen, betonte der Landesbischof. Das gelte auch für die Kirche. Auch in dem zurückliegenden Jahrzehnt sei "viel Geschichte aufgeschichtet worden: persönliche Lebensgeschichte, Kirchengeschichte, Weltgeschichte." Es seien ganz neue Fragen entstanden, die Antworten verlangten.

Entscheidend sei aber, dass möglichst viele Antworten auf die Herausforderungen der Zeit von der Kirchen gemeinsam in die Gesellschaft hinein gegeben würden. Nur dann werde die Kirche gehört, so Landesbischof July. Die Ökumene sei "keine erloschene Routine von gestern". "Wir brauchen eine geistliche und eine sichtbare Ökumene in dieser Welt mehr denn je", lautete sein Appell.

An einer Atmosphäre des freien Worts und des aufrechten Gangs in der Diözese Rottenburg-Stuttgart habe Bischof Gebhard Fürst in den vergangenen zehn Jahren mitgewirkt, attestierte ihm Weihbischof Johannes Kreidler, der als Domdekan nach dem Gottesdienst dem Bischof in einem kleinen Kreis geladener Gäste in der Rottenburger Festhalle gratulierte. In seinem Buch, das soeben erschienen ist, mache Bischof Fürst die zentrale Aufgabe der Kirche deutlich, den Menschen in ihren intellektuellen, spirituellen, sozialen, ethischen und ästhetischen Bedürfnisse Heimat und Geborgenheit zu geben. Dies sei im Fahrwasser einer zunehmend säkularen Gesellschaft ein ebenso hoher Anspruch wie unter den Belastungen einer Glaubwürdigkeits- und Vertrauenskrise, wie sie die Kirche seit Menschengedenken nicht erlebt habe. Die Kirche, so Weihbischof Kreidler, stehe heute vor der "epochalen Herausforderung", die Kluft zwischen moderner und postmoderner Gesellschaft und Kultur und dem christlichen Glauben und der Welt des Religiösen insgesamt zu überwinden. Es gelte heute, den Brückenbau weiter zu gestalten, den das Zweite Vatikanische Konzil eindrucksvoll begonnen habe. Bischof Fürst habe in der ersten Dekade seines Bischofsamts immer wieder deutlich gemacht, dass er als Brückenbauer diese Herausforderung annehme und nach Wegen dazu suche.

Hinweis:
Gebhard Fürst, Eine bewohnbare Kirche. Perspektiven einer menschennahen Pastoral, Ostfildern (Schwabenverlag) 2010, 274 S., Hardcover, ISBN 978-3-7966-1534-4, 19,90 €.