Glaube in ständiger Prüfung

Nach seiner zweiwöchigen Pastoralreise durch das Land, das nach einem fürchterlichen Krieg seit 1975 kommunistisch regiert wird, zieht Bischof Fürst Bilanz: „Ich habe eine glaubensstarke, junge und vitale Kirche erlebt.“ Begleitet wurde der Bischof vom Leiter der Hauptabteilung Weltkirche der Diözese, Domkapitular Heinz-Detlef Stäps.

Seit der vor allem wirtschaftlichen Öffnung Vietnams Anfang der neunziger Jahre hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart ihre Beziehungen zur Kirche in Vietnam intensiviert. Seither unterstützte die württembergische Diözese über ihre Hauptabteilung Weltkirche rund 400 Projekte in Vietnam mit 4,6 Millionen Euro. Von den drei Erzbistümern und 23 Bistümern zwischen Lang Son im Norden und Can Tho im Mekong-Delta besuchte Bischof Fürst acht. Katholiken bilden in Vietnam eine Minderheit von rund neun Prozent der 86 Millionen Einwohner.

Diplomatie im Umgang mit der kommunistischen Regierung ist in einer solchen Situation besonders angesagt. Jesus habe Feindesliebe verlangt, sagt der Kardinal von Saigon, der 79-jährige Erzbischof Jean Baptiste Pham Minh Man. „Wir wollen deshalb auch die Kommunisten lieben und hoffen, dass die Liebe letztlich siegt.“ Den mitbrüderlichen Besuch aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart schätzt er hoch: „Jedes Mal, wenn ein Bischof aus dem Ausland kommt, geht ein Fenster auf und der Wind der Weltgemeinschaft weht herein.“

Gemeinschaft, Familie, Solidarität, Zuwendung – das ist das Kapital, mit dem die katholische Kirche in Vietnam arbeitet. Kirchensteuern gibt es nicht, das Geld für Kirchen, Pastoralzentren und diakonische Projekte kommt von den Gläubigen, von Hilfswerken wie „Misereor“ oder „Kirche in Not“, von Partnerdiözesen und nicht zuletzt von Landsleuten im Ausland. Das Verhältnis zwischen Kirche und Staat unterscheidet sich in den Regionen des Landes deutlich; tendenziell haben es die Christen im Norden Vietnams schwerer als im Süden. Weist die Regierung in einer Provinz hier und da so genannte religionsfreie Zonen aus und setzt die Katholiken spürbar unter Druck, arrangiert man sich andernorts geräuschlos und recht effektiv. Katholiken finden sich zusammen in eigenen Dörfern, stärken sich damit gegenseitig.

Gottesdienste dürfen nach staatlichen Vorgaben nur in genehmigten Kirchen und Kapellen stattfinden. Es ist in der Regel schwierig, eine Genehmigung zu bekommen für eine weitere Kirche. So setzt die Kirche beim diakonischen Engagement an. Wo einmal ein soziales Zentrum, ob Kindergarten, Krankenpflegezentrum oder Schule steht, da könnte mittelfristig eines Tages auch eine Kirche gebaut werden. Christen seien schließlich nicht um ihrer selbst willen da, sondern für andere, sagt der Kardinal von Saigon. „Wir müssen in die Zukunft schauen, Christus in Armut und Demut nachfolgen.“

Die Amantes de la Croix, die 1671 vom französischen Bischof Lambert de Lamotte gegründeten „Kreuz liebenden Schwestern“, sie zeigen, wie das aussehen kann. Immer wieder begegnet diese nachwuchsstarke Gemeinschaft dem Bischof aus Rottenburg. Ob Ordensfrauen des St. Paul de Chartres in My Tho eine Taubstummenschule für über 80 Kinder und Jugendliche unterhalten, Kreuz liebende Schwestern in Vinh einen Kindergarten für 240 Zwei- bis Sechsjährige oder in Saigon eine Station für ungewollt schwanger gewordene Teenager betreiben – der Mut und die Zuversicht dieser Schwestern beeindrucken den Bischof aus Deutschland.

Gewiss ist es ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn die 16 Amantes de la Croix in Saigon junge Schwangere drei Monate vor und drei Monate nach der Geburt auffangen und dann in andere Hände geben – ein Tropfen angesichts von geschätzten fünf Millionen Abtreibungen jährlich in Vietnam. Doch mit ihrer von der Diözese Rottenburg-Stuttgart geförderten Teenager-Station und einem für 100 Kinder geplanten Kindergarten setzen sie Zeichen gegen unbarmherzige Dynamik.

„Wer unverheiratet ein Kind bekommt, verliert sein Gesicht und wird von der Familie verstoßen“, sagt eine der Schwestern. Mangelnde Sexualaufklärung, ein rigider Ehrenkodex und eine staatlich vorgegebene Zwei-Kind-Politik nennt sie als Grund für die hohe Abtreibungsrate. In den Kirchengemeinden suchen die Schwestern gezielt nach ungewollt schwanger gewordenen Mädchen, um sie bei sich aufzunehmen.

Wie zerbrechlich kirchliches Engagement trotz mancher Entspannung zwischen Regierung und Diözesen nach wie vor sein kann, zeigt die Situation des Klosters Thu Tiehm in Saigon. Ursprünglich eingebettet in ein großes und inzwischen eingeebnetes Wohngebiet am Fluss Saigon, war es bis zuletzt ständig geplagt von Überflutungen. Nun hat ein auch von der Diözese Rottenburg-Stuttgart gefördertes Hochwasserprojekt mit Rückhaltebecken und Drainagen die Gefahr durch den Saigon offenbar gebannt. Eine Gefahr bleibt jedoch: Die Regierung, so heißt es, will das Klostergelände wie das bereits eingeebnete Viertel lukrativ an Konzerne verkaufen. Die Schwestern bleiben, pflegen ihre Kirche, den liebevoll gestalteten Karfreitags- und den Osterhügel und ihr Gemeinschaftshaus.

Nach wie vor freuen sich die meisten Diözesen in Vietnam über stattliches Interesse junger Männer am Priesterberuf sowie von Mädchen und jungen Frauen am Ordensleben. So haben allein die Amantes de la Croix nach eigenen Angaben über 1.000 Mitglieder, davon rund 300 Schwestern mit ewigem und 200 mit zeitlichem Gelübde, 150 Postulantinnen und 400 Novizinnen. Oft stammen die Bewerberinnen aus armen Familien, bekommen bei den Schwestern Erziehung, Ausbildung und eine Zukunftschance. Ähnlich stellt sich die Entwicklung in den Priesterseminaren dar: Allein im Seminar von Vinh leben 120 angehende Priester, weitere 40 Kandidaten arbeiten bereits seelsorglich in Pfarreien der Diözese. Bischof Paul Nguyen Thai Hop will das Priesterseminar erweitern; die württembergische Diözese hilft dabei.

Immer wieder erinnert Bischof Fürst vor den Gläubigen in den Diözesen Vietnams daran, dass die katholische Kirche als Weltkirche wie in einer Familie verbunden sei. Er zollt den Gläubigen Respekt dafür, dass sie in einem oft schwierigen politischen Umfeld froh und standhaft Zeugnis ablegten. Oft und deutlich hört er die Bitte, die Diözese Rotenburg-Stuttgart möge auch weiterhin die Kirche in Vietnam unterstützen. Das werde sie nach Kräften und Möglichkeiten tun, sagt der Bischof.