Glaube und Leben in großer Vielfalt

Es zeichnet die teilweise dramatischen Etappen des katholischen Bistums nach, das nach der napoleonischen Neuordnung des deutschen Südwestens und nach noch viel längerer Vorgeschichte aus Teilen der Diözesen Konstanz, Augsburg, Würzburg, Worms und Speyer im Jahr 1828 auf dem Staatsgebiet des einstigen Königreichs Württemberg entstanden ist und das heute als Diözese Rottenburg-Stuttgart im württembergischen Landesteil von Baden-Württemberg eine spezifische, nicht zuletzt durch das ökumenische Miteinander geprägte Identität aufweist. Markante Persönlichkeiten wie etwa der Konzilsteilnehmer von 1870/71, Karl Joseph von Hefele, oder Joannes Baptista Sproll, der Bekennerbischof während des Nationalsozialismus stehen in der Reihe der Bischöfe, deren elfter heute Gebhard Fürst ist.

Die geschichtliche Perspektive kennzeichnet aber nicht nur den historischen der drei Hauptteile, sondern auch das aktuelle Spektrum „Kirchliches Leben in der Diözese heute“. Ob darin über „Seelsorge für Leib und Seele“ berichtet wird oder über die internationale Vernetzung und das weltkirchliche Engagement des schwäbischen Bistums, ob es um „Bildung für ein geglücktes Leben“ geht oder um „Glauben mit allen Sinnen“, der sich in Kunst, Sakralbau und Liturgie Ausdruck verschafft, ob um die Caritas in der Diözese Rottenburg-Stuttgart oder um eine Reise durch die „Glaubenslandschaften“ mit reichhaltiger Klostertradition, Wallfahrten, traditionellen und modernen Frömmigkeitsformen und ökumenischer Spiritualität – immer steht im Hintergrund die Frage, auf welche Herausforderungen der jeweiligen Zeit eine Antwort gefunden werden musste und konkrete Gestalt angenommen hat. Und wenn der heutige Bischof Gebhard Fürst unter der Überschrift „Dialog als Markenzeichen“ portraitiert wird, dann stellt ihn dies vor die Herausforderungen und in die Spannungen, angesichts derer die Diözese heute ihren Weg in die Zukunft finden und in solidarischer Zeitgenossenschaft mit den Menschen einer weithin säkularen Gesellschaft gestalten muss.

Dass die südwestdeutsche Diözese, mit ihren knapp zwei Millionen Katholiken die viertgrößte in Deutschland, kein monolithisches Gebilde ist, sondern dass darin in sehr unterschiedlichen Regionen und mit unterschiedlicher Herkunft Menschen – nicht zuletzt auch zahlreiche Heimatvertriebene und ihre Nachkommen - ihren Glauben leben, stellt der Journalist und ausgewiesene Württemberg-Kenner Helmut Engisch eindrucksvoll dar. Gelebter Glaube und geteiltes Leben stellen sich in Stuttgart und dem industriell geprägten Mittleren Neckarraum anders dar als auf der Schwäbischen Alb, dem Nordschwarzwald oder am Oberen Neckar und wiederum anders in den teilweise noch traditionell gefärbten Gebieten von Oberschwaben und dem württembergischen Allgäu, der Ostalb oder dem Frankenland.

All das ist in sich noch einmal sehr differenziert und wird vor allem durch die Menschen lebendig, die hier leben und glauben. Dies darzustellen gelingt Engisch ebenso wie den anderen Autoren - mit flotter Feder, erkennbarer Sympathie und Identifikation sowie profunder Kenntnis von Land und Leuten, von Geschichte und aktuellem kirchlichem Leben.

Dem von einem zehnköpfigen Redaktions- und Autorenteam unter Federführung von Eckhard Raabe erarbeiteten, sorgfältig gestalteten und mit zahlreichen Vierfarbbildern ausgestatteten Band ist ein Vorwort von Bischof Gebhard Fürst vorangestellt. Den Auftakt stellen Schlaglichter im Stundenrhythmus über einen Tag in der Diözese Rottenburg-Stuttgart dar, die um Mitternacht mit der Geburt eines Kindes in der Bad Cannstatter Anna-Klinik beginnen und um 23 Uhr damit enden, dass im Katholischen Hospiz St. Martin in Stuttgart eine Kerze für eine Verstorbene entzündet wird. Und dazwischen entfalten sich reiches, buntes Leben und vielfältig sich artikulierender Glaube.

Bischöflihes Ordinariat (Hrsg.),
Glauben leben – Leben teilen. Katholische in Württemberg,
Format 21 x 28 cm
288 Seiten
mit zahlreichen Farbabbildungen
Hardcover
€ 29,90 (D) / € 30,80 (A) / sfr. 43,50
ISBN 978-3-7966-1528-3

Dr. Thomas Broch