Glaube und Vernunft müssen vereinbar sein

Mit Joseph Ratzinger hat ein Theologe von internationalem Rang den Stuhl Petri bestiegen, geprägt durch das Zweite Vatikanische Konzil, an dem er als junger Bonner Theologieprofessor teilgenommen hat, und ebenso durch profunde Kenntnisse der theologischen Tradition. Durch zahlreiche bahnbrechende Veröffentlichungen hat er ungezählten Menschen den christlichen Glauben nahegebracht.

Der Kern seines theologischen Denkens ist die Überzeugung, dass Religion und Vernunft vereinbar sein müssen und dass der Glaube sich vor dem Anspruch der Vernunft rechtfertigen können muss. Dieser Grundsatz begründet seine Absage an jeden biblizistischen Fundamentalismus und sein Eintreten für die historisch-kritische Bibelexegese. Er hat diesen Grundsatz auch im Dialog mit dem nichtchristlichen Religionen zur Geltung gebracht und zur Grundlage dieses Dialogs gemacht, den er immer wieder gesucht hat. Im Gespräch etwa mit dem Philosophen Jürgen Habermas hat er gezeigt, dass er auf Augenhöhe mit Vertretern zeitgenössischen Denkens die Bedeutung des Christentum für die humane und zukunftsweisende Gestaltung der Gesellschaft zur Sprache bringen will. Seine Enzykliken machen deutlich, dass dieser Glaube sich durch gelebte Caritas bewahrheiten muss, und dass Nächstenliebe heute auch die ethische Neuorientierung einer globalisierten Wirtschaft und die Verantwortung für die ganze bedrohte Schöpfung bedeutet. In seiner letzten Enzyklika „Caritas in veritate“ aus dem Jahr 2009 hat sich der Papst u. a. in deutlicher und konkreter Weise gegen die Ausbeutung der Natur und ihrer Ressourcen gewandt und die ökologische Verantwortung als einen zentralen Aspekt einer humanen Menschheitsentwicklung sowie als Akt der Gerechtigkeit und der Solidarität zwischen den Generationen herausgestellt. Mit der weltweiten Autorität seines Amtes setzt sich Papst Benedikt XVI. hier für eine ethische Neubesinnung ein, in der es um nichts weniger als um eine gelingende Zukunft unserer Erde und der Menschheit geht. Ich bedauere, dass diese Aussagen des Papstes bei weitem nicht die öffentliche Aufmerksamkeit finden, die sie verdienen.

Zu den schwierigsten Herausforderungen des Pontifikats Papst Benedikts XVI. gehört sicher auch sein redliches Bemühen, die Einheit der Kirche zu wahren und diese nicht in entgegengesetzte Gruppierungen auseinanderbrechen zu lassen. Dies hat ihn im Zusammenhang mit der Aufhebung der Exkommunikation gegenüber vier Bischöfen der Priesterbruderschaft Pius X. erheblichen Vorwürfen ausgesetzt. Ich vertraue jedoch dem Heiligen Vater, dass Inhalt und Geist des II. Vatikanischen Konzils für ihn Wegweisung für die Zukunft der Kirche sind, hinter die er zu keinem Zeitpunkt zurückgehen wollte und will.

Ich danke Papst Benedikt XVI. für sein Wirken in der Kirche und für sie; ich wünsche ihm die Kraft, gemeinsam mit der ganzen Kirche zukunftsweisende Wege aus der gegenwärtigen schweren Vertrauenskrise zu finden, und erbitte für ihn und seine weitere Amtsführung die Führung des Heiligen Geistes.

17. April 2010

+ Bischof Dr. Gebhard Fürst