Glauben an Gott – mit Vernunft

Besonders würdigte er den am 3. Mai verstorbenen marokkanischen Philosophen Mohammed
Abed al-Jabri. Unter anderem mit seiner Hauptschrift „Kritik der arabischen Vernunft“ leistete al-Jabri Bischof Fürst zufolge einen wichtigen Beitrag zur Versöhnung von Vernunft und Offenbarung in der islamischen Theologie.

Als wegweisendes Beispiel für interdisziplinären und interreligiösen Austausch auf Augenhöhe und als Ort für die Vereinbarkeit von Islam und Europa nannte Bischof Fürst die Fakultät für Islamische Studien in Sarajevo. Der Bischof hatte diese Einrichtung im Mai auf Einladung von Großmufti Mustafa Ceric besucht. Ein Glaube ohne Vernunft bedrohe den Menschen ebenso wie ein vorgeblich vernünftiges Weltbild ohne Glauben und transzendentale Bezüge, unterstrich Bischof Fürst. Papst Benedikt XVI. habe darauf mehrfach hingewiesen und bei aller Wertschätzung neuer Möglichkeiten des Menschen durch Aufklärung und Rationalität vor den Gefahren einer Gottvergessenheit gewarnt. Andererseits wird laut Bischof Fürst ein Glaube ohne Bereitschaft zu vernünftiger Kritik „ausschließlich in intoleranten Formen des Fundamentalismus bestehen“.

Ferid Kugic von der Islamischen Gemeinschaft Stuttgart hob hervor, dass die Geschichte der Aufklärung in der islamischen Welt sich von jener in Europa unterscheide. Es handele sich um zwei unterschiedliche Sichtweisen auf die Wirklichkeit. „Gleichwohl ist der Islam eine Religion, die auf Vernunft gründet“, sagte Kugic. Er erinnerte daran, dass das Mittelalter für Europa eine Zeit der Finsternis war, während es für das islamische Morgenland eine kulturelle und wissenschaftliche Blütezeit bedeutete. Islamische Philosophen und Wissenschaftler hätten im 9. Jahrhundert zudem für die westlich-christliche Welt Wissen und Werte der Antike gerettet und überliefert.

Der heutige Islam stehe vor der Herausforderung, sich nach einer längeren Zeit wissenschaftlicher und kulturell-gesellschaftlicher Schwäche verstärkt auf die ursprüngliche Tradition der Vernunft zu besinnen, unterstrich Kugic. Auch er stellte al-Jabri als in diesem Sinne wegweisenden Philosophen heraus. Die führenden islamischen Kräfte müssten vor dem Hintergrund der großen islamischen Tradition neu anerkennen, dass Glaube und Vernunft zusammengehören und religiöse Offenbarung des kritischen Diskurses bedarf. „Wissenschaft von Religion zu trennen bedeutet, den Menschen von Gott zu trennen.“

Bischof Fürst dankte seinen muslimischen Gästen und betonte, dass der Dialog zwischen Christen und Muslimen im Interesse einer besseren gegenseitigen Verständigung weiter zu intensivier sei. Einig zeigte sich der Bischof mit seinen Gästen, dass ein Zentrum für islamische Studien an einer baden-württembergischen Universität eingerichtet werden soll.