Glaubwürdigkeit der Kirche erweist sich im diakonischen Dienst

„Die diakonische Dimension einer missionarischen Kirche in bedrängter Zeit“, so lautete der Titel des Treffens, zu dessen letztem Teil Bischof Fürst sagte: „Wer wollte bestreiten, dass sich die Kirche in diesen Tagen und Wochen in schwerer See befindet?“ Viele Menschen in der Kirche fragten sich zu Recht, wie der Weg weitergehen könne und welche Veränderungen es geben müsse, um aus dieser Krise herauszukommen. „Eine Kirche, die authentisch und glaubwürdig ihren Weg findet, wird immer auch eine diakonische Kirche sein“, betonte der Bischof.

Als die „bessere Hälfte des Glaubens“ hat der Gastreferent Heinrich Pompey die Caritas bezeichnet. Der langjährige Leiter des caritaswissenschaftlichen Instituts an der Universität Freiburg und seit seiner Emeritierung Inhaber des Lehrstuhls für christliche Sozialarbeit an der tschechischen Universität Olmütz, wies darauf hin, dass den mittelalterlichen Kathedralen unmittelbar gegenüber die Spitäler als „zweite Wohnstätte Gottes“ gebaut worden seien. Die gottesdienstliche Begegnung mit Christus vollende sich in der Begegnung mit dem leidenden Christus in jedem hilfebedürftigen Menschen. Und die Weltgerichtsszenen an den Kathedralen machten deutlich, dass die Menschen am Ende „nicht nach dem religiösen Imput“, also nach dem doktrinären Wissen, gefragt würden, sondern nach dem „karitativen Output“. Christus habe sich als Mitleidender auf die Seite der Leidenden gestellt. Das sei die entscheidende Botschaft an die Kirche auch in der heutigen kritischen Zeit, betonte Pompey. Leidende seien heute auch die Missbrauchsopfer. Die Solidarität mit diesen sei oft schuldhaft verdrängt worden, um das Ansehen der Kirche zu schützen. Pompey plädierte mit Berufung auf seine Erfahrungen in Kirchen anderer Weltteile dafür, dass Hilfe für leidende Menschen auch darin bestehe, ihnen Gemeinschaft anzubieten. Die heutigen Seelsorgeeinheiten böten die Chance, „Gemeinschaften von Gemeinschaften“ zu sein, in denen auch die „Klienten“ der Caritas aufgenommen werden sollten. Menschen in unabänderlichen Notlagen sehnten sich nach Gemeinschaft, sagte Pompey. Ein „neuer karitativer Gemeinschaftskatholizismus“ könne auch eine Antwort auf die zunehmende Vereinzelung in der Gesellschaft sein.

Im abendlichen Schlussgottesdienst, den er gemeinsam mit vier Priestern aus dem Sudan im Rottenburger St.-Martins-Dom feierte, griff Gebhard Bischof Fürst die Fragestellung des Priestertags noch einmal auf und betonte, die ganze Gestalt der Kirche und alle ihre Strukturen müssten so „ausgerichtet und eingerichtet“ werden, dass sie den „Geist der Fülle heute zum Wirken bringen“. Für den Priester ergebe sich daraus als Maßstab seines Lebens, dass er sich „wie Christus selbst den Menschen um ihres Heiles willen“ zuwende. Mit Bezug auf den 1945 von den Nationalsozialisten ermordeten Jesuiten Alfred Delp betonte Bischof Fürst, das Schicksal der Kirchen entscheide sich daran, ob sie den von den göttlichen Kräften erfüllten schöpferischen Menschen noch einmal aus hervorbringe. Nur dann habe die Kirche die hellen Augen, die auch in den dunkelsten Stunden die Anliegen und Anrufe Gottes sehen.