Glocken: Kennzeichen der Kulturlandschaft Europa

Am Sonntag weihte er nach einem Festgottesdienst vor dem Rottenburger Dom zwei neue Glocken: eine große A-0-Glocke, die dem heiligen Martin von Tours geweiht und dem Andenken des Bekennerbischofs Joannes Baptista Sproll gewidmet ist; ebenso eine kleinere Marienglocke. Die beiden neuen Glocken waren am Freitag zusammen mit sieben restaurierten Glocken aus der Barockzeit in einer Prozession von den Rottenburger Gläubigen durch die Innenstadt zum Dom gebracht worden, am Montag werden sie am Turm hoch gezogen und im Glockenstuhl montiert. Damit hat die Rottenburger Bischofskirche nach Monaten der Stille wieder ihr vollständiges und ergänztes Geläut.

Die Glocken, so Bischof Fürst, geben dem Alltag Struktur und verweisen den Menschen „mit lautem Schlag auf eine Dimension, die weit über unser Leben und seine Geschäfterei hinausgeht“. Das Geläut der Glocken sei ein „kräftiger Hinweis auf den größeren Horizont, der hinter unserem Leben steht und der es trägt“, betonte der Bischof; es sei ein „tönender Hinweis, der unser oft so gedankenlos dahinplätscherndes Leben unterbricht, der gegen unsere falsche Gewöhnung und Oberflächlichkeit anschlägt und kraftvoll klingend ruft: Mensch, erinnere dich daran, dass Gottes Gnade dein Leben trägt und umfängt“. Mit Verweis auf den niederländischen Kulturhistoriker Johan Huizinga zitierte Bischof Fürst: Die Glocken „übertönen das geschäftige Leben immer wieder und heben es vorübergehend in die Sphäre des Geordneten“. Sie laden den Menschen in einen Raum ein, „der den gnadenlosen Gesetzen des Marktes, der bedingungslosen Ökonomie und Geltungssucht unserer Zeit die Zeit Gottes als geschenkte Zeit entgegenhalten will“, so der Bischof.

Diktatoren hätten die Kirchenglocken immer wieder als störend empfunden, erläuterte Bischof Fürst. Die Nationalsozialisten hätten viele Glocken einschmelzen lassen. Dabei sei es nicht nur um die „Sicherung der Metallreserve“ gegangen. Vielmehr wiesen Dokumente darauf hin, dass nach dem Willen der Nazis nach dem „Endsieg“ in Deutschland nur noch die 12 Glocken des Reichstagsgebäudes läuten sollten. So sei es höchst sinnvoll, dass die große A-0-Glocke dem Bekennerbischof Joannes Baptista Sproll gewidmet sei. Sproll, dessen Name in die Glocke eingraviert ist, habe „der Unrechtsherrschaft der Nationalsozialisten mit seiner Stimme und mit aufrechter Haltung, mit entschiedenem Protest und beharrlicher Verweigerung“ widerstanden. Das Tönen dieser Glocke erinnere so auf besondere Weise „an die wirksame Kraft, die unser Glaube in unserem Leben und im Zusammenleben unserer Gesellschaft entfalten soll“, betonte Bischof Fürst.