Gönne dich dir selbst

Weihbischof Kreidler zitierte aus einem kanpp 1.000 Jahre alten Schreiben des Heiligen Bernhard von Clairvaux an den damaligen Bischof Eugen III: „Wenn du dein ganzes Leben und Erleben völlig ins Tätigsein verlegst und keinen Raum mehr für die Besinnung vorsiehst, soll ich dich da loben? Wie kannst du voll und echt Mensch sein, wenn du dich selbst verloren hast? Gönne dich dir selbst.“ Im heutigen Alltag, der im Beruf genauso anstrengend sein kann wie zu Hause etwa bei der Erziehung der Kinder, komme Gott kaum mehr vor. Der moderne Lebensrhythmus stütze den Glauben an Gott kaum mehr ab und deshalb könne Gott den Menschen so leicht entgleiten, so Kreidler. Manche vermissten ihn dann lange Zeit nicht. Die Lebensräume seien „von Gott entleert“.

Begegnung mit Gott ereigne sich in der Stille. Im Herzen müssten die Menschen Raum für Gott schaffen. Der Weihbischof riet, ruhig zu werden, zu beten, bei Gott zu verweilen und sich in ihm zu verwurzeln. Die Menschen sollten ihr Herz öffnen und auf die inneren Erfahrungen achten. „Mystik ist eigentlich nichts anderes als Lebensgemeinschaft mit Gott, gelebte Freundschaft, Herzensbegegnung mit ihm“, so der Rottenburger Weihbischof. Viele Menschen sehnten sich heute nach Mystik und religiöser Erfahrung, nähmen aber nur die Moral der Kirche wahr. „Statt einem Mehr an Ordnungen, Gesetzen und Vorschriften wünschen sich Menschen heute mehr Orte, wo sie mit sich und Gott, wo sie mit Jesus Christus betend und feiernd tiefe und gute Erfahrungen machen können“, sagte Kreidler.

Vorbild für ein Beseelt sein von Gott seien die Gottesmutter und der Heilige Bernhard von Clairvaux. Sie hatten die tiefe Überzeugung, die sie sich durch Schmerzen und Fragen hindurch bewahrt hatten, dass Gott mit ihnen ist. Jeden Tag verknüpften sie sich mit Gott und hielten ihn für das Wichtigste.

Das Gnadenbild der „Schönen Maria“ im Hochaltar der barocken St.-Maria-Kirche in Hohenrechberg steht seit 600 Jahren im Zentrum der Wallfahrten auf den Hohenrechberg. Es stammt aus dem 14. Jahrhundert und hat seither trauernden und hoffenden Menschen Mut gemacht. Besonders in schweren Zeiten, als die Pest in Württemberg wütete oder der Dreißigjährige Krieg, zog sie Tausende von Hilfesuchenden an. Zuerst in einer Holzkirche beherbergt, wurde das Gnadenbild im 15. Jahrhundert in die neuerbaute Steinkirche gebracht. Der Legende nach sollen Engel das Gnadenbild in die schlichte Holzkirche zurückgetragen haben, damit „die Maria in der kleinen Holzkapelle den Armen und Elenden näher ist.“ Einen Höhepunkt hatte die Wallfahrt auf den Hohenrechberg nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Kirche vom Bombenhagel der amerikanischen Kampfflieger unbeschadet überstand. Heute ist die Wallfahrtskirche immer noch ein Anziehungspunkt für Gläubige. Brautpaare geben sich dort gern das Ja-Wort. Die Wallfahrtswoche findet seit ca. 200 Jahren immer um den Festtag Mariä Geburt am 8. September statt.