Heilung verletzter Seelen

Aus den vergangenen Jahrzehnten bekannt gewordenen Fälle sexuellen Missbrauchs in Kirche, Gesellschaft, Schulen und Familien müssten Impuls sein, neu aufzustehen für unversehrtes Leben und die Heilung verletzter Seelen, forderte Bischof Fürst am Ostersonntag in der Stuttgarter Kathedrale St. Eberhard. Die sexuellen Missbräuche seien zwar meist vor langer Zeit geschehen, wirkten aber „so entsetzlich, wie wenn sie heute geschehen wären“. Es gelte, aus dem Glauben an die Macht der Auferstehung Christi die Mächte des Bösen zu überwinden und in Kirche und Gesellschaft eine christliche Kultur der Achtsamkeit gegenüber dem Leben zu pflegen.

Bischof Fürst mahnte ein neues gesamtgesellschaftliches Gespräch über eine menschendienliche Kultur der Sexualität an. Die moralische Erfahrung der Bibel und eine gute pädagogische Tradition der Kirche wüssten um die Verletzlichkeit menschlicher Sexualität, deren Perversionsgefahr und deren Seelen zerstörende Kraft, wenn sie nicht Kultur und Reife gefunden habe. „Sexualität ist eben nicht wie ein Schluck Wasser“, betonte der Bischof unter Anspielung auf einen Satz Lenins. Sexualität sei vielmehr eine große Gabe und Aufgabe, die intensivste und verletzlichste Beziehungskraft zwischen Menschen.

Eindeutig unterstrich Bischof Fürst, dass Priester, Ordensleute und alle Christen, die sexuell übergriffig werden, eine schwere Sünde begehen. Solche Übergriffe seien verabscheuungswürdige Verbrechen. Der Bischof rief dazu auf, neu das christliche Menschenbild in den Blick zu nehmen, nach dem Menschen nicht einfach aus sich heraus gut seien. Juden und Christen wüssten, dass der Mensch im Kern verletzt sei und ihm eine Tendenz zum Bösen innewohne, die zu furchtbaren Ausbrüchen kommen könne. Das christliche Bild vom Menschen lebe wesentlich auch aus dem Glauben an die Auferstehung Christi. Christus, das unzerstörbare Bild Gottes, habe die Menschen angenommen als Heiland der zerstörten Seelen, der Kranken und Schwachen. „Mit seiner Auferstehung sehen wir die Welt, den Menschen, sein Leid, seien Unvollständigkeit und Schwäche in einem neuen Licht“, sagte Bischof Fürst.

Uwe Renz