Heimkehr nach fast 70 Jahren

Bischof Gebhard Fürst bringt sie wieder in ihre Heimatpfarrei zurück, gemeinsam mit dem Rottenburger Dompfarrer Harald Kiebler und dem Osteuropabeauftragten des Landes Baden-Württemberg, dem ehemaligen Vaihinger Oberbürgermeister Heinz Kälberer. Von 8. bis 11. April ist eine kleine Delegation aus der Diözese nach Polen unterwegs.

Niemand in Rottenburg hatte mehr gewusst, dass diese Glocke nur eine Leihgabe war. Von ihrem ursprünglichen Kirchturm aus ging ihr Weg im Zweiten Weltkrieg wie der vieler anderer Glocken nach Hamburg auf den so genannten Glockenfriedhof, wo sie auf ihr Einschmelzen wartete. Doch sie entging diesem Schicksal und gelangte nach 8 Jahren über Stuttgart und die Stadt Wernau schließlich nach Rottenburg in den Turm von St. Martin, wo noch eine a’-Glocke fehlte. Dort war sie dann für mehr als 50 Jahre selbstverständlicher Teil des Rottenburger Domgeläutes.
Durch einen Zufall, so berichtet Dompfarrer Kiebler, habe er auf der Glocke die Jahreszahl 1711 und die Inschrift „Landsbergensis“ entdeckt. Diese Glocke war also nicht wie die anderen des Domgeläuts in Rottenburg gegossen worden, sondern in einem Ort namens Landsberg. Welcher der zahlreichen Orte mit diesem Namen dafür in Frage kam, sei, so Kiebler, zunächst unklar geblieben. Auch eine Archivakte aus dem Jahr 1971 mit dem Titel „Leihglocken“ blieb weitere Erläuterungen zu dem Namen Landsberg schuldig. Hilfreich sei dann folgende Inschrift der Glocke gewesen: „Der Lan[d]sberger stiftete diese Glocke vor kurzem der allerheiligsten Dreifaltigkeit und zu Ehren Johannes des Täufers für die Kirche“ und: „Der hochwürdige Herr Johann Georg Jurovius, Pfarrer von Schmideken“ und: „Zur Zeit des hochwürdigen Herrn Johann Teophilus von Strachwitz, Pfarrer in Lan[d]sberg im Jahre 1711 am 2. Februar, für die der allmächtige und barmherzige Gott angerufen werden möge.“ Diese Angaben ließen den eindeutigen Rückschluss zu: Der Heimatort der Leihglocke ist Landsberg an der Warthe, das heutige Gorzów Slaski.

Alles Weitere ist rasch berichtet: Für den Bischof war die Rückführung der Glocke zu ihrem ursprünglichen Ort in ihrem ursprünglichen Kirchturm selbstverständlich. Im Zuge der Erneuerung des Domgeläuts im Jahr 2008 wurde die Landsberger Glocke aus dem Glockenstuhl geholt und bei der Karlsruher Glockengießerei Bacher renoviert. Sie ist bereits vor der Rottenburger Delegation in Gorzów Slaski eingetroffen. Ein vom Bischöflichen Ordinariat und dem Bundesministerium des Innern genehmigter Vertrag zwischen der Rottenburger Kirchengemeinde St. Martin und der Dreifaltigkeitspfarrei in Gorzów Slaski regelt die rechtlichen Fragen. Am Sonntag, 10. April, wird dort die Heimkehr der Glocke nach fast 70 Jahren mit einem Festgottesdienst mit Bischof Gebhard Fürst und Weihbischof Jan Kopiec von der Erzdiözese Oppeln gefeiert.