„Hochkarätiger Ort römischer und mittelalterlicher Archäologie“

Zu dem ehemaligen Kolleg der Jesuiten am Nordrand des mittelalterlichen Rottenburg gehörte auch die Barockkirche St. Joseph, die 1722 geweiht und bereits 1790 wieder abgerissen wurde. Heute frei gelegte Fundamentreste und großräumige Kellergewölbe mit teilweise noch erhaltenen Torbogen und Bodenfliesen lassen die architektonische Struktur und die Ausmaße dieses Bauwerks erkennen. Bemerkenswert sind die ausgegrabenen Keller und das Mauerwerk der mittelalterlichen Bürgerhäuser, die im 17. bzw. frühen 18. Jahrhundert dem Kolleg und der Kirche der Jesuiten weichen mussten. In den geräumigen Bierkellern, die später in die Kellergewölbe der Kirche integriert wurden, wurde das Starkbier aufbewahrt, das an die zahlreichen Wallfahrer ausgeschenkt wurde. Während in dem der Stadt zugewandten Grabungsbereich römische Siedlungsreste nach Angaben der Archäologen bereits mit der Errichtung der Jesuitengebäude endgültig verschwunden sind, förderten die Ausgrabungen hinter dem Palais, im Bereich des Zwingers der mittelalterlichen Stadtbefestigung, Überreste der römischen Epoche zutage. Nicht nur zahlreiche verzierte Keramikbruchstücke, Reste kunstvoll behauener Mauerfriese oder eine Münze aus der Zeit des römischen Kaisers Vespasian (2. Jahrhundert n. Chr.), sondern auch die architektonischen Strukturen an dieser Stelle bieten den Archäologen wertvolle Ergänzungen ihrer bisherigen Erkenntnisse zur römischen Besiedlung Rottenburgs. Aber auch die freigelegten Bereiche aus Spätmittelalter und Barockzeit geben Aufschluss über die Planung und Entwicklung der alten Römer-, Habsburger- und heutigen Bischofsstadt.

Notwendig geworden waren die Grabungen des Landesamtes für Denkmalpflege wegen der umfangreichen Bauvorhaben, in denen die Diözese Rottenburg-Stuttgart das Bischöfliche Palais, das ehemalige Jesuitenkolleg sowie den benachbarten barocken „Rohrhalder Hof“ einer dringend erforderlichen umfassenden Sanierung unterzieht und durch Neubauten ergänzt. Dass der Neubau des Diözesanarchivs zwei Etagen tief in die Erde reicht, ruft in einer historischen Stadtlandschaft wie Rottenburg automatisch die Denkmalschützer auf den Plan. Es schmerze ihn einerseits, betonte Generalvikar Clemens Stroppel, dass nach Abschluss der Rettungsgrabungen mit den Neubauten die jetzt frei gelegten baugeschichtlichen Zeugnisse aus Antike und Mittelalter verschwinden würden. Andererseits könnten durch die Baumaßnahmen der Diözese mit dem Jesuitenkolleg und dem Rohrhalder Hof auch zwei bedeutende denkmalgeschützte Gebäude erhalten und saniert werden.

Die Grabungen des Landesdenkmalamts haben im Dezember 2008 begonnen und liegen voll im Zeitplan. Wenn sie zum Jahresende 2009 abgeschlossen sind, kann die Diözese mit ihren Neubaumaßnahmen beginnen. Schon bald, nach Abschluss des Umzugs von rund 170 Mitarbeitenden in das ehemalige DHL-Gebäude am südlichen Stadtrand Mitte Mai, kann mit der Sanierung der historischen Gebäude begonnen werden.