Kirchenkunst

Im Bann der „Stuppacher Madonna“

Gerlinde Dörr vor der „Stuppacher Madonna“

Gerlinde Dörr kennt jedes Detail der „Stuppacher Madonna“. Foto: DRS/Guzy

34 Jahre lang erklärte Gerlinde Dörr Besucherinnen und Besuchern das bedeutende Bild. Sie hat eine persönliche Verbindung dazu entwickelt.

An ihre erste Führung kann Gerlinde Dörr sich noch sehr gut erinnern: Sie stand vor einer Gruppe mit 30 Leuten, einen Zettel mit Notizen zur Sicherheit in der Hosentasche. „Mein Atem wurde im Verlauf immer schneller“, erzählt sie. Doch am Ende hätten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer geklatscht – und den Spickzettel habe sie auch nicht gebraucht.

Das ist nun rund 34 Jahre her. Seitdem hat Gerlinde Dörr unzähligen Besuchergruppen die „Stuppacher Madonna“ von Matthias Grünewald erklärt, die zu den bedeutendsten Werken christlicher Kunst zählt. Nun übernimmt ein neues Team diese Verantwortung.

„Es war eine wunderbare Aufgabe, das Evangelium und die ganze Symbolik, die in dem Bild stecken, weiterzugeben“, sagt Gerlinde Dörr. Dabei wollte sie das anfangs gar nicht. Sie habe zu der Zeit zwei kleine Kinder gehabt und habe nicht wieder sonntags arbeiten wollen, wie sie das zuvor im Kurhaus von Bad Mergentheim musste, erklärt Gerlinde Dörr. Nach mehreren Anläufen ließ sie sich dann aber überreden: „Es war damals nicht anders als heute, man suchte dringend jemanden für die Betreuung der Gruppen“, berichtet Gerlinde Dörr. So stellte Pfarrer Bruno Hilsenbeck sie zum 1. August 1987 für die „Stuppacher Madonna“ ein. Er hatte sie für diese Aufgabe schon lange vorher haben wollen. Leider erlebte er dann keine der Führungen von Gerlinde Dörr. Denn nur wenige Tage später starb Hilsenbeck nach einem Schlaganfall. Erst gab es ein kleines Team für die Führungen, später war Gerlinde Dörr allein.

Tausende Besucherinnen und Besucher

Gerlinde Dörr nahm Anfragen und Anmeldungen für die Führungen entgegen und war Ansprechperson, wenn es um die „Stuppacher Madonna“ ging – rund um die Uhr, wie sie sagt. Obwohl sie nur halbtags eingestellt war, sei sie für die Gruppen zu jedem gewünschten Termin zur Stelle gewesen. Zusätzlich dazu kamen die festen Führungen am Nachmittag.

Laut ihren Angaben zog die „Stuppacher Madonna“ in ihrer Anfangsphase 50.000 bis 60.000 Menschen jährlich an. Später seien die Zahlen rückläufig gewesen. Seit 1999 trennt eine schützende Glaswand die Kapelle mit der Madonna vom übrigen Kirchenraum ab. Das lässt seitdem individuelle Besichtigungen außerhalb von Führungen zu. Damit bleiben die tatsächlichen Besucherzahlen aber auch nicht mehr erfasst.

Bild mit besonderer Wirkung

Denn immer wieder betreten Neugierige die Kirche – so auch im Laufe des Gesprächs an einem Werktagnachmittag. Eine Radgruppe schaut herein und ein älteres Ehepaar hat auf dem Weg vom Norden in den Süden Stuppach für einen Abstecher gewählt. Das Ehepaar zeigt sich in seinen Kommentaren beeindruckt von dem religiösen Kunstwerk.

„Ich habe immer erwähnt, dass Grünewald das Bild für jeden gemacht hat“, erklärt Gerlinde Dörr. Sie hat ihre Führungen an die verschiedenen Gruppen angepasst, ob Kindergarten-, Schul- oder Studentengruppe, ob Ausflugs- oder Touristengruppe. Viele hätten das Bild danach mit anderen Augen gesehen. Die Darstellung wirkt auf die Menschen, ganz unabhängig davon, ob und was sie glauben, hat Gerlinde Dörr erlebt.

Begegnungen mit Prominenten

„Es kam auch immer wieder etwas zurück“, berichtet Gerlinde Dörr von Briefen mit positiven Rückmeldungen. Unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ihrer Führungen kann Gerlinde Dörr einige Prominente aufzählen: Bischof Dr. Gebhard Fürst, die Ministerpräsidenten Erwin Teufel und Winfried Kretschmann oder zum Beispiel auch Gotthilf Fischer. Von schönen Erfahrungen in den 34 Jahren spricht Gerlinde Dörr, die im August 65 Jahre alt wird.

Das Angebot an Führungen ist für die künftige Zeit gesichert. Die Suche gestaltete sich nicht ganz einfach, aber die Kirchengemeinde hat letztlich ein Team von sechs Leuten gefunden. Sie übernehmen nun die Führungen. Darunter sind sogar zwei Jugendliche zwischen 16 und 17 Jahren. Zum neuen Team gehört auch Silke Dörr (nicht verwandt mit Gerlinde Dörr, die Namensgleichheit ist zufällig). Sie managt zusätzlich die Anfragen, die per Mail oder Telefon eingehen. Sie begeistere sich für Historie, erklärt die 53-Jährige auf Nachfrage, warum sie mitmacht.

Zeit für die Familie

Gerlinde Dörr dagegen hat jetzt mehr Zeit für die Büroarbeit im Betrieb ihres Mannes, für ihre vier Enkelkinder und die Familie allgemein. „Ich koche jeden Tag für acht Personen“, erzählt sie. Früher musste sie, wenn eine Führung am Nachmittag anstand, schon mal das Essen schnell auf den Tisch setzen. Jetzt fällt der Termindruck weg.

An der Kirche wird sie trotzdem nicht vorbeigehen, ohne bei der „Stuppacher Madonna“ vorbeizuschauen. Denn Gerlinde Dörr ist überzeugt, dass die Mutter Gottes ihr die Kraft gegeben hat, „alles unter einen Hut zu bekommen und zu bewältigen“.

Die Geschichte der „Stuppacher Madonna“

Die „Stuppacher Madonna“ bildete ursprünglich den Mittelteil eines Altars in der Maria-Schnee-Kapelle in der Stiftskirche in Aschaffenburg. Seit 1516 hing sie dort. Die Darstellung stammt von Matthias Grünewald, einem bedeutenden Künstler der Renaissance. Die Angaben zu seinen Lebensdaten variieren, aber er soll ungefähr zwischen 1470 und 1529 gelebt haben. Als sein Hauptwerk gilt der Isenheimer Altar, der in Colmar zu sehen ist.

Die „Stuppacher Madonna“ kam 1532 als Geschenk an den Deutschen Orden nach Bad Mergentheim. Nach der Auflösung des Ordens kaufte Pfarrer Balthasar Blumhofer das Bild im Jahr 1812 für die Stuppacher Pfarrkirche. Das Werk wurde Rubens zugeschrieben, erst später wurde Grünewald als Künstler erkannt. Es gab zudem Übermalungen. Das Bild erlebte bis in die jüngste Zeit hinein mehrere Restaurierungen. Als eine wichtige wird vor allem die von 1926 bis 1931 genannt: Während das Bild zur Restaurierung in Stuttgart war, wurde an die spätgotische Pfarrkirche in Stuppach eine eigene Kapelle für die Madonna angebaut.

Dort kann sie täglich von 8.30 bis 18.30 Uhr besichtigt werden. Die Glaswand, die die Kapelle schützt, wird allerdings nur im Rahmen von Führungen geöffnet. Gruppenführungen finden auf Anfrage statt. Im August gibt es - unter den jeweils geltenden Corona-Bedingungen - zudem mehrere öffentliche Führungen: am Sonntag, 1. August, und Sonntag, 8. August, jeweils um 14.30 Uhr sowie am Sonntag, 15. August, um 11 Uhr und um 15 Uhr. Anmeldungen dafür sind bis jeweils Freitag 12 Uhr möglich (Tel.: 07931 / 26 05 oder kontakt(at)stuppacher-madonna.de).

Weitere Informationen zur „Stuppacher Madonna“ gibt es auf den Internetseiten der Kapellenpflege Stuppacher Madonna