Im Gespräch bleiben und Vorurteile überwinden

Rottenburg/Stuttgart. 6. Januar 2015. Zum kontinuierlichen Gespräch zwischen Christen und Muslimen hat Bischof Gebhard Fürst in seiner Neujahrsansprache aufgerufen. Ein offener Dialog fördere Vertrauen und helfe, gegenseitige Vorurteile abzubauen, sagte der Bischof am Dienstag bei seinem Neujahrsempfang in Stuttgart. Er erinnerte daran, dass er im Frühjahr nach 2005 zum zehnten Mal Vertreter muslimischer Vereinigungen zur jährlich stattfindenden Begegnung einladen werde. Im vergangenen Jahr verurteilten der Bischof und die muslimischen Delegierten alle angeblich religiös begründeten Terrorakte und vereinbarten, gemeinsam ein Hilfsprojekt in der arabischen Welt zu unterstützen.

Bischof Fürst warnte davor, mit Demonstrationen gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlandes vertrauensvolles Miteinander zwischen Christen und Muslimen zu gefährden. Wiederholt verurteilte er alle Initiativen, die unter Berufung auf angebliche christliche Werte und Traditionen vorgeben, das christliche Abendland retten zu wollen. „Christen überzeugen durch Nächstenliebe, nicht durch Ausgrenzung und Ablehnung.“ Noch nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs seien so viele Menschen weltweit durch Krieg und Terror bedroht, Millionen auf der Flucht. „Das darf uns als Teil dieser einen Welt nicht kalt lassen, sondern soll uns zu Solidarität und Hilfe motivieren.“

Die Welt sei aus den Fugen geraten, stellte Bischof Fürst fest. Es gelte, in der gegenwärtig dramatischen und unberechenbaren Situation Maßstäbe zu finden und anzuwenden, die Ordnung herstellen können. „Ohne eine solche Ordnung ist der Einzelne vereinzelt, wird Freiheit zur Willkür, führt Konkurrenzkampf zu Rücksichtslosigkeit, lässt Eigennutz alle sozialen Regelungen absterben.“ Die christliche Tradition mit ihren menschendienlichen Werten habe in der aktuellen Situation viel Brauchbares zu bieten. Dazu zählen dem Bischof zufolge Vertrauen in die Zukunft und ein Miteinander aller Menschen guten Willens, Offenheit gegenüber neuen Entwicklungen sowie Vertrauen in den Menschen als Gottes Ebenbild. Damit komme allen Menschen eine unveräußerliche Personwürde zu.

Die Gläubigen in den Kirchengemeinden sind laut Bischof Fürst wichtige Träger dieser lebensfreundlichen Werte. Derzeit seien auch die Gemeinden der Diözese Rottenburg-Stuttgart in einem Prozess der Veränderung und Neuorientierung. Unter dem Leitwort „Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten“ suchten sie ihre jeweiligen Herausforderungen und schärften ihr individuelles Profil. Der Bischof rief dazu auf, sich für die Erneuerung der Kirche aktiv zu engagieren und an den Wahlen zu den Kirchengemeinde- und Pastoralräten im März unter dem Motto „Kirche verändert sich – ich bin dabei“ zu beteiligen. Gerade die vergangenen Monate hätten gezeigt, welche Kraft in den Kirchengemeinden stecke. So hätten sich nicht wenige von ihnen beherzt engagiert für Flüchtlinge, die in ihrem Gemeindegebiet angekommen sind.

Uwe Renz